Bad Kreuznacher Friedensaktivisten demonstrieren in Büchel

Von Nathalie Doleschel

In den 80ern gingen Hunderttausende gegen Atomwaffen auf die Straße (Hintergrund). Nach Büchel fuhren im Juli sechs Friedensaktivisten von der Nahe (v.l.): Heinz Klein, Heidi Kaul, Ursula Mathern, Volker Metzroth, Anneliese Wolf und Jochen Dohm. (Fotos: dpa/Doleschel, Montage: VRM/sv)

BAD KREUZNACH - Nicole Mercier streicht ihre langen dunklen Haare aus dem Gesicht und greift sich die Gitarre. Mit heller Stimme singt die „Joan Baez der Eifel“ die Hymne der Friedensbewegung schlechthin: „Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“ Strophe um Strophe, voller Inbrunst. Die Szene wirkt im Sommer 2020 aus der Zeit gefallen. Die Singersongwriterin, im Hauptberuf Lehrerin, singt gegen das mutmaßliche Atomwaffenlager von Büchel an. Das kleine Eifel-Örtchen, nicht weit von Cochem-Zell entfernt, wird im Juli regelmäßig zum Hotspot der Friedensaktivisten.

Auf einer Wiese vor dem Fliegerhorst haben Atomwaffengegner ihre Zelte aufgeschlagen. „Wir lieben alle Atome, Schluss mit dem Spalten“ steht auf einem zerknitterten Banner. Am 7. Juli 2020, dem letzten Tag eines dreitägigen „Friedenscamps“, feiert die Gemeinschaft aus Idealisten tatsächlich den dritten „Geburtstag“ des Atomwaffenverbotsvertrags. Ein Manifest der Friedensbewegung, das zwar von 122 der 193 vereinten Nationen unterschrieben, aber bislang erst von 38 Staaten ratifiziert wurde.

Büchel ist an diesem Morgen auch das Ziel einer Gruppe aus Bad Kreuznach. Anneliese Wolf und Jochen Dohm, Volker Metzroth, Heidi Kaul und Ursula Mathern, allesamt Mitglieder von „Aktiv für Frieden“ im Netzwerk am Turm, treffen vor dem Fliegerhorst in der Eifel auf Heinz Klein, der sich bei „Attac“ gegen Atomwaffen engagiert. Das in Ehren ergraute Sextett von der Nahe wirkt wie eine Abordnung aus der Flower-Power-Ära. Die Delegation hebt den Altersschnitt des mehrheitlich studentischen Protests merklich an. Einige Kreuznacher Friedensaktivisten haben schon in den 80er Jahren, in der Hochphase des Kalten Kriegs, gegen Atomwaffen demonstriert. „Büchel ist schon eine feste Nummer“, sagt Anneliese Wolf, Sprecherin der Gruppe. Der Ostermarsch, an dem die Kreuznacher regelmäßig teilnehmen und der von der Kirche organisiert wird, musste coronabedingt ausfallen. Am 7. Juli sind ICAN, eine internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, und IPPNW, dem deutschen Ableger eines Bündnisses internationaler Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, die Ausrichter des Protests.

PROTESTAKTIONEN

IPPNW und ICAN, der deutsche Ableger der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, das „Netzwerk Friedenskooperative“ sowie kirchliche Einrichtungen organisieren mehrmals im Jahr rund um die Kaserne Kundgebungen, Protestmärsche (Ostermarsch) und Aktionstage. Auch die Bad Kreuznacher Gruppe „Aktiv für Frieden“ nimmt regelmäßig an den Camps und Märschen teil. In Bad Kreuznach ist die Gruppe jeden ersten Freitag im Monat an der Ecke Hospitalgasse/Mannheimer Straße von 15 bis 17.30 Uhr mit einem Infostand zugegen, um auf ihr Engagement aufmerksam zu machen.

„Nicht die Bundeswehr, sondern die Atomwaffen sind unsere Gegner“, begrüßt die tiefdunkle Stimme von Dr. Brigitte Hornstein die Teilnehmer. Protest ja, aber bitte ohne Gewalt. Jeder Gast erhält ein Bändchen in den Farben der PACE-Flagge. Rund um Büchel ist die Aktivistin eine Hausnummer. Erst vor einem Monat wurde Hornstein vom Amtsgericht Cochem zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen wegen „zivilen Ungehorsams“ verurteilt. Sie hatte den schwer gesicherten Bundeswehr-Flugplatz unerlaubt für eine Andacht und ein Picknick mit Atomkraftgegnern betreten.

Hornstein ist im wahren Leben Ärztin für Frauenheilkunde in Münster. Es passt zum Bild, dass zwei junge Studentinnen später „von der Geburt des Atomwaffenvertrags“ wie von einem menschlichen Wesen sprechen. Es war eine schwere Geburt von zehnjähriger Dauer. Hartnäckigkeit ist eine Kerneigenschaft der Friedensaktivisten. Dieses Mal gibt es statt eines Picknicks eine riesige Geburtstagstorte aus Stoff. Sie wird später auf die Verkehrsinsel vor dem Haupteingang der Kaserne getragen. Sieht man vom ohrenbetäubenden Getöse der startenden Jets, dem Polizeiaufgebot und den stacheldrahtbekränzten Zäunen, die das Militärgelände umgeben, einmal ab, wirkt die Szenerie fast wie ein leicht ökiger Kindergeburtstag.

Büchel dient dem Taktischen Luftwaffengeschwader 33 als Basis und ist mutmaßlich ein Stützpunkt der „nuklearen Teilhabe“, die zur Abschreckungspolitik der Nato gehört. Nur etwas mehr als eine Stunde von Bad Kreuznach entfernt, sollen hier 20 Atomwaffen des Nato-Bündnispartners USA gelagert sein. Ihre Sprengkraft wäre 13 Mal so hoch wie die der Atombombe von Hiroshima. All das wurde von offizieller Seite nie bestätigt. Doch die Kreuznacher Aktivisten, wie alle Teilnehmer der Friedensdemo, sind überzeugt, dass sie hier an der richtigen Protest-Adresse sind. „Hier ist nicht nur ein Start-, sondern auch ein Zielort für Kampfflieger, die mit Atomwaffen bestückt werden.“

Ihr Protest arbeitet auf die Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrags durch mindestens weitere zwölf Staaten hin. „Dann wären Abrüstung, Eindämmung und moralische Ächtung von Atomwaffen geltendes Völkerrecht.“ Vor den Kämpfern für den Frieden liegt ein langer Weg: Nato-Mitglied Deutschland hat den Atomwaffenverbotsvertrag bis heute nicht unterschrieben. „Eigentlich sitzen wir alle – Fridays for Future, Flüchtlingsbewegung oder Atomwaffengegner – im selben Boot“, fasst Anneliese Wolf die generationenübergreifende Friedensarbeit zusammen. Demos, Aktionstage, Ostermärsche? „Wir sind irgendwann zu alt für so was. Diese jungen Menschen hier sind zukunftsgewandt. Kernwaffen bedrohen ihre und unsere Realität.“

Diese Webseite verwendet Cookies, um Dienste bereitzustellen, Anzeigen zu personalisieren und Zugriffe zu analysieren. Informationen darüber, wie Sie diese Webseite verwenden, werden an Google weitergegeben. Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.
Zustimmen