Kriminalhauptkommissar Manfred Schneider hat seine Ausbildung zum Genesungsbegleiter in der Alzeyer Rheinhessen-Fachklinik abgeschlossen

Genesungsbegleiter Manfred Schneider (rechts) im Gespräch mit Pflegedirektor Frank Müller. Foto: photoagenten/Carsten Selak

ALZEY - „Portfolio Ex-In“ steht in silbernen Lettern auf blauem Grund. Manfred Schneider hält sein 66 Seiten umfassendes Schriftwerk im DIN A4-Format sorgsam in der Hand. Es ist nicht besonders dick und doch erzählt das Buch, das Zitate, Gedichte, Bilder und Zertifikate schmücken, von großen Teilen seines Lebens, das nicht immer einfach war. Seine schlechten Erfahrungen nutzt Schneider, der jahrelang Depressionspatient war, nun, um andere Erkrankte zu beraten. An der Rheinhessen-Fachklinik (RFK) hat der 55-Jährige aus Bad Kreuznach kürzlich seine Ausbildung zum Genesungsbegleiter abgeschlossen und als Projektarbeit ein Portfolio erstellt. EX-IN steht für „Experienced Involvement“, auf Deutsch: erfahrene Beteiligung.

AUSBILDUNGSKONZEPT AN DER RFK

16 Absolventen schlossen die einjährige EX-IN-Ausbildung zum Genesungsbegleiter an der Rheinhessen-Fachklinik (RFK) Ende Oktober ab, 21 waren gestartet. Der Ausbildungsplan sieht 12 Module und zwei Praktika vor. Die RFK, die das Konzept landesweit als erste Einrichtung umgesetzt hat, will das Ausbildungsprogramm fortsetzen. Doch zunächst startet in diesem Jahr ein Ausbildungsjahrgang in der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, im nächsten Jahr im Pfalzklinikum in Klingenmünster, bevor der nächste Ausbildungsjahrgang in Alzey im Jahr 2019 wieder startet, teilt RFK-Pflegedirektor Frank Müller mit. Die RFK hat bereits einen ausgebildeten Genesungsbegleiter eingestellt und kann sich vorstellen, auch einen Absolventen zu beschäftigen.

Schneiders Depression entwickelte sich aus den Erfahrungen, die er in seiner frühen Kindheit gemacht hatte. Sein Vater war alkoholkrank, die Mutter „eine schwache Person“. Der Vater hat nicht mit ihm gesprochen. „Ich habe die meiste Zeit geschwiegen, heute würde ich sagen, ich war mutistisch“, schildert Schneider. Mutismus ist die Verweigerung des Sprechens.

Mit 16 entschließt er sich zur Polizeiausbildung

Im Alter von 16 Jahren entschließt sich Schneider, eine Ausbildung bei der Polizei zu beginnen, um finanziell unabhängig zu werden und gemeinsam mit der Mutter den Vater zu verlassen. Mit 18 ist es dann so weit, die beiden ziehen aus. Doch die Probleme hören nicht auf. Schneider fehlen Freunde, ins Elternhaus wollte er keine mitbringen. Nur wenige Jahre später erkrankt seine Mutter an Darmkrebs, er pflegt sie drei Jahre lang, bis sie am ersten Weihnachtsfeiertag 1986 stirbt, da ist Schneider gerade 24 Jahre alt. „Ich habe die meiste Zeit alleine klarkommen müssen“, sagt er.

Körperlich machen sich seine Sorgen durch Rückenschmerzen und einen Reizmagen schon lange bemerkbar. Die psychische Belastung ist teilweise so stark, dass Schneider mehrmals versucht sich das Leben zu nehmen. Als sein Hausarzt ihm 1998 vorschlägt, sich stationär in eine Klinik einweisen zu lassen, lehnt er nicht ab. Im Gegenteil: „Ich war froh, endlich sah jemand, das etwas mit mir nicht stimmte“, erinnert sich der 55-Jährige.

Über einen Zeitraum von 17 Jahren besucht Schneider fünf mal eine Klinik. 15 Monate verbringt er insgesamt in stationärer Behandlung. Nach seinem letzten Klinikaufenthalt im Jahr 2015 spürt er, dass es aufwärts geht. Um sein Wohlbefinden zu halten, nimmt er weiterhin drei Medikamente über den Tag verteilt.

Für Schneider ist nach dem Abschluss der Ausbildung noch lange kein Ende in Sicht. Er will sich in dem Bereich weiter engagieren, mit seinen eigenen Erfahrungen anderen Menschen Mut machen, nicht aufzugeben. „Ich fühle mich so lebendig wie in meinem ganzen Leben noch nicht“, betont Schneider.

Weil er wegen der Klinikaufenthalte an seinem Arbeitsplatz lange Zeit ausgefallen ist, will Schneider, der mittlerweile zum Kriminalhauptkommissar ernannt wurde, seinem Arbeitgeber etwas zurückgeben. Seine Vorgesetzten ermöglichen ihm, als nebenamtlicher sozialer Ansprechpartner für Kollegen da zu sein, die im beruflichen oder im privaten Umfeld Probleme haben. Seit August 2016 geht er dieser Tätigkeit nach. Das Wissen, das er während der Ausbildung zum Genesungsbegleiter gesammelt hat, kann er hierfür nutzen.

In den Gesprächen stellt er seinem Gegenüber immer wieder die Frage: „Was machst du für dich?“ Denn das fehlende Gefühl für sich selbst sei oft ein Faktor, der zum Problem werden könne.

Schneider selbst macht mittlerweile viel für sich und geht sorgsam mit sich um. Er hat ein Theater-Abo, besucht Konzerte und Kongresse zum Thema psychische Gesundheit und hält sich gerne draußen in der Natur auf. „Das Hier und Jetzt wahrzunehmen, das habe ich in der Therapie gelernt“, sagt Schneider und lächelt zufrieden.

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