"Können in jedem Spiel was reißen" - 05-Coach Tuchel im Exklusiv-Interview
09.10.2010 - MAINZ
Von Rüdiger Lutterbach und Roland Hessel
Der FSV Mainz 05 erlebt in diesen Wochen einen nie da gewesenen Medienhype. In- und ausländische Zeitungen und Fernsehsender geben sich am Bruchweg die Klinke in die Hand, um das „Wunder von Mainz“ zu erklären. Die Londoner „Times“ vergleicht Thomas Tuchel, den 37-jährigen Trainer des Bundesliga-Spitzenreiters, schon mit José Mourinho, der als bester Vereinstrainer Europas gilt. Unsere Zeitung sprach mit Tuchel über Gründe und Folgen der Mainzer Erfolgsgeschichte.
Herr Tuchel, fühlen Sie sich durch das riesige Medieninteresse an Ihnen und Ihrer Mannschaft geschmeichelt oder eher genervt?
Also, wenn ich mich nur zwischen Schmeicheln und Nerven entscheiden kann, dann nehme ich Nerven. Ich muss aber sagen, wenn man selbst drinsteckt und es einen selbst betrifft, dann nimmt man es gar nicht so wahr, wie das Außenstehende vielleicht denken, zumal mein Job ja meine ganze Konzentration erfordert. Und wenn die London-Times, die noch nie ein Wort mit mir gesprochen hat, mich mit José Mourinho vergleicht, dann kann das nur sehr oberflächlich sein. Also ist es gefährlich, sich da geschmeichelt zu fühlen.
Vor etwas mehr als einem Jahr waren Sie ein noch relativ unbekannter A-Jugend-Trainer, heute werden Sie als einer der innovativsten Fußballlehrer der Bundesliga gefeiert. Spüren Sie unter den etablierten Kollegen eine größere Akzeptanz oder vielleicht auch ein Spur von Neid ihnen gegenüber?
Es gibt wenig Kontakt unter den Kollegen, außerhalb dessen, was sich am Spieltag abspielt. Ich war jetzt gerade bei Rolf Töpperwien auf dessen 60. Geburtstag eingeladen. Da habe ich mit Bruno Labbadia gesprochen, den ich ja vom Trainerlehrgang kenne, und ich habe zum Beispiel Hans Meyer kennengelernt. Die sind alle sehr nett und wertschätzend auf mich zugekommen. Aber es gibt im Moment für mich keinen regelmäßigen Austausch mit Trainerkollegen, wodurch ich vielleicht erkennen könnte, ob sich da irgendwas verändert hat. Man muss da ja aufpassen. Ich hatte letzte Woche das Gefühl, dass einige Zeitungen anfangen wollten zu zündeln. Thomas Tuchel und Felix Magath, Thomas Tuchel und Ralf Rangnick. Ich merke am eigenen Leib, dass da einfach Dinge konstruiert und erfunden werden, um vielleicht eine Gegenreaktion hervorzurufen. Ansonsten ist das Ganze für mich immer noch ein bisschen wie Fernsehen. Ich habe kürzlich die Bayern im Champions-League-Spiele gegen den AS Rom beobachtet und wurde dabei von meinem engsten Freund, der aus München kommt, begleitet. Der hat nur gelacht und den Kopf geschüttelt, weil auf der Tribüne jeder bei mir vorbei kam, mich begrüßt hat und so getan hat, als würde er mich schon Jahre kennen. Dabei habe ich die Leute zum ersten Mal gesehen. Und es ist schon ziemlich komisch, wenn Leute im Fernsehen über dich sprechen, obwohl sie dich persönlich gar nicht kennen. Da kommen Dinge raus, die einfach nicht so sind. Das erfordert einen Spagat. Man darf sich einerseits nicht alles gefallen lassen, andererseits zieht es aber auch Energie. Da muss man auch mal Dinge laufen lassen, bevor man sie noch größer macht.

