Der Mittelfeldakteur hat sein Herz an Verein und Fans verloren
Er hat ein aufregendes Halbjahr hinter sich. Auf Transferrangeleien im Januar folgten drei überragende Spiele als erfolgreicher Einstand für seinen neuen Verein, die seinerzeit von vielen Experten schon abgeschriebenen Nullfünfer. Bereits im dritten Spiel gegen Nürnberg stoppte eine Verletzung den Höhenflug von Elkin Soto abrupt für zwei Monate. Ob die Klopp-Elf den Abstieg mit dem 27jährigen Kolumbianer hätte verhindern können, steht in den viel zitierten Sternen. Nach einigen Spekulationen um seine Zukunft ist nun Fakt: Elkin Soto geht den schweren Weg mit seinem FSV in die Zweite Bundesliga und wird alles dafür geben, den Verein zurück ins Oberhaus zu führen. Im Gespräch mit unserer Zeitung resümiert der technisch versierte Mittelfeldakteur die ersten sechs Monate in Mainz, beschreibt die Unterschiede zum südamerikanischen Fußball und erzählt von seinem Traum, bei der bevorstehenden Copa America für die kolumbianische Nationalmannschaft spielen zu dürfen.
Señor Soto, ein halbes Jahr Deutschland voller Höhen und Tiefen liegt hinter Ihnen. Wie geht es Ihnen heute?
Soto: Mir geht es gut in Deutschland, ich fühle mich sehr wohl in Mainz und bin glücklich, dass ich in dieser Mannschaft Fußball spielen darf. Das Umfeld ist hervorragend, alles ist wunderbar organisiert. Ich bin von meinen Mitspielern, allen Menschen im Verein und auch von den Fans sehr gut aufgenommen worden. Das hat dazu geführt, dass ich mich sehr schnell akklimatisieren konnte und Freude daran hatte, mit den Jungs Fußball zu spielen. Bisher war jedes Spiel für Mainz in der Bundesliga für mich ein besonderes Erlebnis.
Leider habe ich mir diese schwere Verletzung zugezogen und ich musste zwei Monate pausieren. So konnte ich der Mannschaft nicht helfen, den Abstieg zu vermeiden. Während dieser Verletzung hatte ich aber jederzeit das Gefühl, zum Team zu gehören. Meine Kollegen haben mir sehr viel Kraft gegeben. Und auch unser hervorragender Trainer hat mir während dieser Zeit Mut gemacht und Vertrauen geschenkt. Das waren besondere, sicher nicht selbstverständliche Erlebnisse für mich. Ich möchte die Gelegenheit gerne nutzen, um mich bei allen für die freundliche Aufnahme hier in Mainz zu bedanken. Vor allem auch bei dem medizinischen Team meiner Rehabilitation; sie haben hervorragende Arbeit geleistet. So konnte ich schnell fit werden und wieder spielen. Dass wir am Ende absteigen, ist eine riesige Enttäuschung für uns Spieler, die treuen Fans und die Verantwortlichen des Vereins. Trotzdem darf man jetzt nicht in der Traurigkeit versinken, denn das, was man hier in Mainz erleben kann, ist etwas Besonderes. Das gibt Mut und Kraft, die neuen Herausforderungen anzunehmen. Ein Abstieg ist für jeden Fußballer schwer zu verkraften. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass wir gemeinsam alles unternehmen werden, diesen Verein mit seinen tollen Fans wieder in die Bundesliga zu bringen.
Zunächst wird Mainz 05 aber von der Bundesliga-Bildfläche verschwinden. Werden Sie mit dem Verein absteigen und auch in der Zweiten Bundesliga das Trikot der Nullfünfer tragen?
Soto: Ja, eindeutig ja. Ich möchte sehr gerne hier bleiben und gemeinsam mit dieser Mannschaft wieder aufsteigen. Es ist für jeden Fußballer ein besonderes Gefühl, wenn man spürt, dass die Fans bedingungslos hinter der eigenen Mannschaft stehen. Und das Publikum hier in Mainz ist fantastisch, einmalig. Wir werden die Herausforderung Zweite Bundesliga annehmen, wir werden hart arbeiten und alles dafür geben, dass Mainz 05 wieder erstklassig ist. Das haben die Fans verdient und sicher auch der Verein. Mainz 05 gehört in die Bundesliga.
Abgesehen davon habe ich einen Vertrag unterschrieben, der auch für die Zweite Bundesliga gilt. Ich fühle mich hier sehr wohl und es ist für mich eine Ehre, für Mainz spielen zu dürfen.
Bringen Sie mit dem Gang in die Zweitklassigkeit nicht Ihre Karriere in der kolumbianischen Seleccion in Gefahr? Sie gehörten bisher immerhin zum erweiterten Kader?
Soto: Nein, definitiv nicht. Meine Leistung muss eine eindeutige Sprache sprechen, unabhängig von der Liga, in der ich spiele. Außerdem sollte man nicht den Fehler begehen, die Zweite Bundesliga abzuwerten. Sie hat ein sehr gutes Niveau und in der kommenden Saison werden starke Mannschaften wie Köln, Mönchengladbach, Kaiserslautern oder eben auch wir dort spielen. Das wird eine spannende Zeit geben, keine leichte Aufgabe, aber wir werden sie mit harter Arbeit und Leidenschaft lösen. Nur wenn ich in dieser guten Liga konstante Leistungen bringe, habe ich eine Chance, Teil der Nationalmannschaft Kolumbiens zu sein. Und das ist mein Traum, mein großes Ziel auch über die Copa (America) im Sommer hinaus.
Sie sprechen von Disziplin, harter Arbeit und Leidenschaft. Haben Sie als technisch begabter Spieler keine Angst in der sehr körperbetonten Zweiten Bundesliga den Spaß am Fußball zu verlieren?
Soto: Ich glaube, dass in allen Ländern der Fußball einer zweiten Liga sehr viel physischer ist, das gilt auch für Südamerika. Aber warum sollte ich mir Sorgen machen? Ich spiele in einer starken Mannschaft, die den Zweikämpfen sicher nicht aus dem Weg geht, die andererseits dabei aber auch nicht vergisst, Fußball zu spielen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, unser Leistungsvermögen abzurufen, jeder Einzelne. Dann werden wir auch unsere Ziele erreichen.
Stichwort Zweitklassigkeit: Viele Experten sehen den deutschen Klubfußball im internationalen Vergleich nur noch auf diesem Leistungsstand. Die Ergebnisse in den europäischen Wettbewerben scheinen das zu bestätigen. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck von der Liga? Entspricht der deutsche Fußball den Vorstellungen und möglicherweise auch Vorurteilen, die vor dem Wechsel nach Mainz hatten?
Soto: In Südamerika halten die Menschen den deutschen Fußball für sehr physisch, robust und schnell, weniger von herausragender technischer Klasse. Ehrlich gesagt war das auch meine Überzeugung. Aber wenn man dann in der Bundesliga spielen darf, verändert sich diese Sicht. Der deutsche Fußball ist physisch, schnell und sehr vertikal angelegt, aber ist eben auch in technischer Hinsicht viel besser, als sein Ruf. Ich muss auch betonen, dass die Spieler hier sehr ehrlich sind, sehr fair. Die Konzentration gilt auch in harten Zweikämpfen dem Ball und nicht den Beinen des Gegenspielers, wie es etwa in Südamerika oft der Fall ist. Dort werden Zweikämpfe auch verbal geführt, um den Gegenspieler einzuschüchtern. Dabei gerät der Ball ebenso wie die Fairness natürlich aus dem Mittelpunkt des Spiels. Der Fußball hier ist sehr viel ehrlicher. Ich sehe den deutschen Fußball heute, insbesondere auch aus technischer Sicht, stärker als früher, und bin glücklich, hier spielen zu dürfen.
Auf dem Platz konnte man sehen, wie wohl Sie sich aus sportlicher Sicht bei Mainz 05 fühlen. Konnten Sie privat ähnlich schnell an die fremde Kultur und die neue Stadt gewöhnen?
Soto: Ja. Und das liegt vor allem daran, dass meine Arbeitskollegen eben auch Freunde sind. Innerhalb der Mannschaft ist ein großer Zusammenhalt. Wir treffen uns nicht nur zum Training, sondern gehen zusammen essen, schauen gemeinsam Fußballspiele im Fernsehen an, unternehmen einfach sehr viel als Team im privaten Rahmen. Für mich war und ist die Mannschaft eine große Hilfe bei der Eingewöhnung. Mittlerweile habe ich auch außerhalb des Vereins sehr nette Menschen kennen gelernt, sogar Kolumbianer, die schon länger in dieser wirklich schönen Stadt leben. Zu meinem großen Glück ist meine Frau vor einem Monat auch nach Deutschland gekommen. Für sie waren es bisher sehr intensive, aber durchweg positive Tage hier in Mainz. Ich wiederhole gerne, dass wir hervorragend aufgenommen worden sind und uns sehr wohl fühlen. Wir haben Deutschland als gastfreundliches, offenes und kommunikatives Land erlebt. Auch in diesem Zusammenhang kann ich nur sagen, dass der Ruf der deutschen Mentalität wohl ein wenig kritischer ist als meine Erfahrungen jetzt zeigen.
Gemeinsam mit Ihrer Frau und einer engagierten Lehrerin versuchen Sie sich seit einigen Wochen an der deutschen Sprache.
Soto: Ja, das stimmt. Wir geben uns sehr viel Mühe, die Sprache zu lernen und es geht aufwärts. Mittlerweile verstehe viel mehr als am Anfang und bin zuversichtlich, dass ich in ein paar Monaten auch sehr viel mehr reden kann. Innerhalb der Mannschaft läuft die Kommunikation vor allem auf Englisch. Marius Niculae spricht zwar auch noch ganz gut Spanisch und übersetzt in schwierigen Situationen wie Taktikbesprechungen. Meist ist aber ein Dolmetscher dabei, der mir die Botschaft des Trainers vermittelt.
Verraten Sie uns zum Abschluss des Gesprächs Ihren Lieblingssatz der deutschen Sprache?
Soto: Ich bleibe gerne hier in Mainz. Vielen Dank.
Das Gespräch führte
Steffen Richter

