AUSREDEN Bei Dopingsündern sind Verweise auf den "unbekannten Dritten" besonders beliebt
MÜNCHEN (sid). Claudia Pechstein hat einen schlimmen Verdacht. "Vielleicht bin ich ja schwer krank", meint die Eisschnellläuferin. Anders als mit einem geheimnisvollen Gebrechen kann sie sich ihre abnormen Blutwerte, die zu ihrer Sperre wegen angeblichen Dopings führten und den deutschen Sport schwer erschüttert haben, nicht erklären. Ein Gendefekt als Ursache - oder doch nur als Ausrede?
Wer die Begründung der fünfmaligen Olympiasiegerin Pechstein für abenteuerlich hält, sollte mal bei Tyler Hamilton nachfragen. Der Radprofi führt die Peinlichkeitsskala der Ausreden mit dem wohl ungewöhnlichsten Alibi an. Bei der Spanien-Rundfahrt 2004 wurde dem Amerikaner Blutdoping nachgewiesen, doch Hamilton konterte mit dem Einwand, er sei ein "Mischwesen", eine sogenannte Chimäre.
Die fremden Zellen in seinem Körper würden von den Stammzellen seines noch vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert, meinte der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004. Auf griechisch heißt das Wort "Chimäre" übrigens Hirngespinst. Und es war natürlich auch nur ein Zufall, dass in Hamiltons Phonak-Mannschaft mit Santiago Perez noch eine zweite Chimäre fuhr.
Geht es um die Erklärung ihrer positiven Fälle, ist Tätern wie Hamilton keine Ausflucht zu abenteuerlich. Radstar Jan Ullrich fiel einst mit Amphetaminen auf und gab sich als ahnungsloser Junge vom Lande. "Irgendwer hat mir in der Disko zwei Pillen angedreht. Keine Ahnung, was da drin war, aber ich habe sie halt in meiner Dummheit geschluckt!" Immerhin gab er den Konsum zu. Das ist nicht immer so.
Die Tennisspielerin Martina Hingis erklärte ihren positiven Test auf Kokain so: "Jemand hat es mir in den Fruchtsaft getan. " Verweise auf den "unbekannten Dritten" sind besonders beliebt. 5000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann gab diesem "Jemand" 1999 die Schuld für das Nandrolon in seinem Körper. Legendär ist mittlerweile seine Vermutung, dieses sei über kontaminierte Zahnpasta in sein Blut gelangt. Ganze Apotheken führten andere mit sich - natürlich nie für den eigenen Bedarf. Radprofi Andreas Kappes will 1997 versehentlich Appetitzügler seiner schwangeren Frau eingenommen haben. Und Christian Henn wurde ein von der Schwiegermutter empfohlener Tee zur Stärkung der Zeugungskraft zum Verhängnis. Mountainbikefahrerein Ivonne Kraft behauptete 2007, der Asthma-Inhalator ihrer Mama sei in ihrem Beisein explodiert. "Vor Schreck hab ich ,huch' gesagt und wohl versehentlich etwas inhaliert." Genau so muss es wohl gewesen sein.

