Soziale Integration ist Hauptziel
14.01.2012 - BINGEN
Von Christine Tscherner
LESER HELFEN Im Kindergarten St. Martin werden Jungen und Mädchen mit Behinderungen gefördert
Viel zu früh kamen die Zwillinge Phillipp und Lukas zur Welt. 26 Schwangerschaftswochen statt 40 hatten Folgen. Die Frühchen verbrachten ihre ersten Wochen und Monate im Krankenhaus. Heute besuchen die Fünfjährigen aus Nieder-Hilbersheim quietschfidel den Kindergarten St. Martin. Aus dem zarten Frühchen Phillipp hat sich ein robustes Vorschulkind entwickelt. Seinem Bruder Lukas hilft Mareike Kosendei durch den Kindergartenalltag.
Die Integrationskraft ist für vier behinderte Kinder im Haus eingesetzt. Zusammen mit ihrer Kollegin unterstützen sie exklusiv sieben so genannte „I-Kinder“. „I“ steht für Integration, für Teilhabe am Alltag trotz geistiger oder körperlicher Einschränkung.
Was das konkret heißt, demonstriert Erzieherin Mareike im Morgenkreis. Turbulent geht es zu. Die Lautstärke ist hoch, Geräusche von allen Seiten. Lukas hätte im Stimmengewirr allein mit seinem Hörgerät keine Chance. „Deshalb spreche ich im Anschluss an den Morgenkreis das Thema mit Lukas separat noch einmal durch.“
Zehn Stunden pro Kind und Woche hat Mareike Kosendei im Zeitbudget. Sie hilft beim Selbstbewusstsein stärken. Sie pflegt engen Austausch mit Therapeuten und Eltern. Oder sie erklärt neugierigen Kindern Lukas´ Hilfsmittel.
Wie selbstverständlich seine Freunde mit der speziellen Verstärkeranlage und dem Mikrophon umgehen, das zeigt: Anderssein akzeptieren funktioniert am einfachsten von Kleinkindbeinen an.
Kinder mit besonderem Förderbedarf sind seit eineinhalb Jahren die jüngste Herausforderung im Kindergarten St. Martin. Soziale Integration ist das Hauptziel, das Eingliedern mitten hinein in die Gesellschaft.
Sorgenkinder, Behinderte, körperlich oder geistig Beeinträchtigte - für Papa Hendrik Otto und Mama Lysann Wenzel ist die Bezeichnung nicht wichtig. „Lukas braucht für alles eben etwas länger.“ Laufen, sprechen oder zählen lernte er verzögert. Die Eltern vergleichen die Zwillinge nicht. Sie sehen die Stärken und Fortschritte ihrer Jungs mit jeweils eigenen Augen.
Und sie suchen die bestmögliche Förderung. Deshalb nehmen sie trotz Jobs in Mainz und Ingelheim täglich die Fahrt von Nieder-Hilbersheim nach Bingen in Kauf. Beide gingen ein gutes Jahr nach der Geburt wieder arbeiten. „Wir können auf das zweite Einkommen nicht verzichten“, stellt Heizungsmonteur Otto klar.
Doch die Suche nach Krippen- und Kindertagesplätzen in der Region war für ihre unterschiedlichen Zwillinge schwierig. Nach der Eingewöhnungszeit strich die Arbeitgeber-Krippe der Mutter die Segel. „Sie waren mit der Betreuung von Lukas total überfordert.“
Eine Privatkrippe nahm die Herausforderung an. „Die Ärzte hatten für Lukas prognostiziert, dass er nicht laufen kann“, erinnert sich der Vater. Wer Lukas über den Flur flitzen sieht, zielsicher zu seinem Schuhfach, der mag das kaum glauben.
„Er schaut sich unglaublich viel von den anderen ab. Deswegen wollten wir keinen reinen Förderkindergarten.“ Die Brüder in unterschiedlichen Kitas trennen? Das kam überhaupt nicht in Frage. Im Kindergarten St. Martin fand das Quartett einen starken Partner mit langer Öffnungszeit.
Wer die wichtige Arbeit des Binger Hauses unterstützen möchte, den ruft „Leser helfen“ zu Spenden auf. Für spezielles Förderspielzeug reicht der Etat nämlich bei weitem nicht aus.

