„Ein ganz normales Kind“
14.01.2012 - HOHENSTEIN
Von Hannelore Wiedemann
SPENDENAKTION Der neunjährige Julien hat das Down-Syndrom und besucht die Lindenschule
Julien spielt mit Bauklötzen. Stapelt sie zu Türmen. Wirft sie um. Unablässig bewegt er seine Zunge im Mund. „So spürt er sich selbst“, erklärt seine Mutter Kerstin Müller. Mit der Zunge betastet der Neunjährige auch die Bauklötze. Dass Juliens Entwicklungsstand nicht seinem Alter entspricht, liegt an einem genetischen Defekt. Die sogenannte Trisomie 21 verursacht das Down-Syndrom, das zu einer geistigen Behinderung führt.
Auch körperlich ist Julien eingeschränkt: Erst mit sechs Jahren lernte er laufen, motorische Probleme erschweren ihm das Essen, das Sprechen fällt ihm schwer. „Ansonsten ist er ein völlig normales Kind“, betont Kerstin Müller. Ein Kind, das gerne Fußball spielt. Und die Natur liebt: Bäume, die sich im Wind bewegen, das Gras, Sonnenblumen. „Da kann Julien stundenlang zusehen.“
Alleine kann Julien aber nicht nach draußen gehen. Das sei zu gefährlich, meint seine Mutter. Denn Julien achtet nicht auf den Verkehr oder auf andere Gefahren. Und ihm fällt auch immer etwas ein: „Vor ein paar Tagen hat er seine sauberen Windeln in die Waschmaschine gesteckt und sie angestellt“, schmunzelt Kerstin Müller. Fasziniert hat Julien anschließend vor dem Gerät gesessen und zugesehen, wie sich die Trommel dreht. „Er ist ein richtiger Kasper“.
Viele Ungeborene mit Down-Syndrom werden abgetrieben. Kerstin Müller nennt das „umgebracht“: „Diese Kinder wollen auch leben, sind fröhlich.“ Wenn Eltern ein Kind mit Down-Syndrom nicht wollten, liege das nur an ihrer Erwartungshaltung. „Es ist, als ob man eine Reise ans Meer geplant hatte, aber in den Bergen landet.“ Kerstin Müller ist es ein Anliegen, Eltern Mut zu machen, die ein solches Kind erwarten: „Es ist eine große Bereicherung für seine Umwelt“, auch wenn man keine Bewertungsmaßstäbe anlegen dürfe. „Wenn ich mir vorstelle, es gäbe ihn nicht - das wäre furchtbar“, sagt sie.
Die Lindenschule bietet vielfältige Möglichkeiten
Vier Jahre lang hat Julien den normalen Kindergarten besucht, dabei viel gelernt von den anderen Kindern. Jetzt besucht er die Lindenschule für praktisch Bildbare in Breithardt. Dort geht der Neunjährige in eine Klasse mit Kindern, die ganz unterschiedliche Behinderungen haben. „So profitiert jeder von jedem.“ Im Differenzierungsunterricht wird Julien ganz individuell gefördert; darüber hinaus wird seine Entwicklung durch Logopädie, Krankengymnastik und Reittherapie unterstützt.
Kerstin Müller ist klar, dass Lernen für ihren jüngsten Sohn immer auf dem therapeutischen Niveau bleiben wird. Was er später einmal können wird, hänge aber sehr von der Förderung ab. Deshalb ist sie froh über die vielfältigen Möglichkeiten, die die Lindenschule bietet - ob Julien auf einer Regelschule gut aufgehoben wäre, da zweifelt sie.

