Von Christine Dirigo
Sechsjährige Buse erhält Perücke in Worms
Wie alle kleinen Mädchen hat die sechsjährige Buse Spaß an bunten Haarspängchen. Vor anderthalb Jahren, bei einem Besuch in Deutschland, wollte die kleine Türkin im Kaufhaus unbedingt welche haben. Doch Buse kann damit nichts anfangen, denn sie hat kaum Haare, nur an ihrem Hinterkopf wachsen einige Büschel. Durch einen Unfall im Haushalt vor drei Jahren sind Kopf, Gesicht und Hände verbrannt. Der Verein Cicatrix mit der Wormser Präsidentin Regina Heeß, der sich für Menschen mit Verbrennungen und Narben stark macht, hat sich des Schicksals der Familie Kamali angenommen. Buse ist immer wieder zu Untersuchungen in Deutschland. Diesmal erwartet sie eine Überraschung. Noch beim Betreten eines Haarstudios wissen Papa Ilhan und Buse nicht, was auf sie zukommt. Wenn sie den Salon wieder verlässt, wird sie Haare haben. "Eines unserer Mitglieder hat uns eine neue Kinderperücke aus Echthaar zur Verfügung gestellt", berichtet Regina Heeß. Die soll Buse angepasst werden. Dafür hat sich die Präsidentin mit Yildiz Gümüs eine Frisörmeisterin ausgesucht, die nicht nur türkisch spricht, sondern auch Erfahrung mit Perücken hat. Ganz behutsam führt die Fachfrau Buse an das neue Haar heran, und sowohl bei der Kleinen als auch bei ihrem Vater ist das Erstaunen groß, als ihr narbenübersäter Kopf das erste Mal mit schulterlangen Haaren bedeckt ist. So hat Ilhan Kamali seine Tochter noch nie gesehen und die Rührung steht ihm ins Gesicht geschrieben. "Ihrer Mutter wird es gefallen, dass sie ihr bald übers Haar streichen kann", meint er. Buse darf ihre neue Frisur genauso haben, wie sie will, und deshalb wird das Echthaar dunkler getönt, damit sie braune Haare hat. Und einen Pony möchte sie haben. Vorsichtig macht sich Yildiz Gümüs ans Werk, so dicht mit der Schere vor dem Gesicht hat Buse noch niemand Haare geschnitten. "Das kitzelt", lacht sie, als ihr die abgeschnittenen Spitzen übers Gesicht rieseln. Kaum ist die Frisur fertig, geht ihr Griff zu den Haarspangen, die Regina Heeß mitgebracht hat. Sie bekommt zwei Zöpfchen geflochten, und endlich kann sie die heiß ersehnten Spangen ins Haar klemmen. Cicatrix finanziert durch Spenden die vielen Operationen, die notwendig sind, damit Buse einigermaßen uneingeschränkt leben kann. "Das Narbengewebe wächst nicht mit. Deshalb sind immer wieder Eingriffe notwenig", erklärt die Präsidentin. Die werden in der Universitätsklinik Ankara gemacht. Da in der Türkei nur die medizinische Grundversorgung abgedeckt ist, müssen solche Operationen bezahlt werden. Die letzte hat Buses Mund vergrößert, in ihre Nase mussten Röhrchen eingesetzt werden, damit sie atmen kann. Auch am Auge waren Eingriffe nötig, damit die Lider schließen und sie erblindet. Nächstes Jahr kommt die Kleine in die Schule, und da wird sie mit ihrem neuen Haarschopf zumindest nicht sofort alle Blicke auf sich ziehen. Und Regina Heeß bedauert, dass sie nicht am Flughafen dabei sein kann, wenn ihre Mama und ihre Schwester Buse und Papa Ilhan abholen. Denn die wissen noch nicht, dass ihre Kleine jetzt Haare hat.

