Bessere Chancen für Frühchen
11.05.2010 - MAINZ/NIEDER-OLM
Von Nicole Weisheit-Zenz
SYMPOSIUM Experten tagen in Nieder-Olm
Etwa jedes zehnte Baby in Deutschland kommt vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt, allein in Rheinland-Pfalz sind dies pro Jahr etwa 3 000 Kinder. Entsprechend hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch in einer Schulklasse zwei oder drei Frühgeborene sind. Während sich viele dieser Kinder nach der Entlassung aus der Klinik gesund entwickeln und ohne größere Hindernisse Kindergarten und Schule besuchen, leiden andere an Beeinträchtigungen - von motorischen Behinderungen bis hin zu Auffälligkeiten im Lernverhalten. Beim interdisziplinären Symposium „Frühgeborene in der Grundschule - (k)ein Problem?!“ in Nieder-Olm ging es daher um Informationen und praktische Lösungen im Alltag, um den Schulerfolg Frühgeborener zu verbessern.
Viele extreme Frühchen brauchen Unterstützung
„Mit einer Frühgeburt sind häufig Entwicklungsdefizite verbunden, die sich auch bis zum Schulalter oft noch nicht ,ausgewachsen‘ haben“, betonte Initiator Hans-Jürgen Wirthl aus Mainz, Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes „Früh- und Risikogeborene Kinder Rheinland-Pfalz“. Privatdozent Dr. Matthias Keller vom Universitätsklinikum Essen erläuterte die veränderte Gehirnentwicklung bei Frühgeborenen, die umso größere Schwierigkeiten haben, je unreifer sie zur Welt kommen. Zwei Drittel der Frühchen unter 26 Wochen und ein Drittel der Babys, die vor der 34. Woche geboren wurden, benötigen Unterstützung für ihre kognitive Entwicklung.
Vera Reiß, Staatssekretärin im Bildungsministerium, und Anne Kleinschnieder, Leitende Ministerialrätin a.D., legten daher Wert auf eine individuelle Förderung in der Schule und auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften.
Untersuchungen gefordert
Weitere Vorträge gingen darauf ein, welche Auswirkungen Aufmerksamkeits- oder Wahrnehmungsstörungen auf das Lernen haben. In diesem Zusammenhang wurden nicht nur regelmäßige Nachuntersuchungen für Frühgeborene gefordert, sondern auch Seh- und Hörtests für alle Kinder. Andere Referenten informierten über Hilfen bei Legasthenie und Dyskalkulie und die Möglichkeiten des Schulpsychologischen Dienstes im Umgang mit Lernschwierigkeiten. Dr. Helmut Peters, Ärztlicher Leiter des Kinderneurologischen Zentrums Mainz, sprach über Therapiemöglichkeiten in Sozialpädiatrischen Zentren.
Gezeigt wurde auch die Fotodokumentation „Über/Leben“ des renommierten Hamburger Fotografen Walter Schels. Eindrucksvoll dargestellt ist die Kunst des Überlebens von Kindern, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Die Betrachter konnten anhand von Reissäckchen fühlen, was es heißt, 500 oder 800 Gramm in der Hand zu halten.

