Von Werner Baum
RESTAURIERUNG Selzer können bei Arbeit an historischem Leichenwagen zuschauen
Der Transport gestorbener Bürger mit einem pferdebespannten Leichenwagen war im vergangenen Jahrhundert noch vielerorts üblich. Allerdings sind solche Fuhrwerke heute nur noch auf alten Bildern in Trauerzügen zu sehen. Viele Gemeinden hatten für den Ankauf eines solchen Wagens kein Geld. Die Verstorbenen wurden im Sarg auf langen Wegen zum Friedhof getragen. Die Gemeinde Selzen besitzt ein solches Unikat. Um die Erhaltung des Gefährtes hat sich Verbandsbürgermeister Klaus Penzer, Ortsbürgermeister in Selzen von 1984 bis 1994, erfolgreich bemüht. Der Wagen bleibt ein Stück örtlicher Kulturgeschichte und dürfte in Rheinland-Pfalz zu den wenigen noch erhaltenen Wagen zählen.
Im Mai 1911 beschäftigte sich der Gemeinderat mit der Anschaffung eines Leichenwagens und beauftragte den Großherzoglichen Bürgermeister Martin Ludwig Binzel sowie zwei Ratsmitglieder, nach einem solchen Wagen Ausschau zu halten. Eine Spende der Selzer Spar- und Darlehnskasse entlastete die Gemeindekasse. Nach Besichtigungen in Kirchheimbolanden und Wies-Heppenheim, war der Kauf perfekt. Fahrer des Leichenwagens wurde Jakob Kissinger XIII. Eine Fuhre wurde mit drei Reichsmark aus der Gemeindekasse belohnt. Darin war auch die Säuberung enthalten.
Der Landwirt Wilhelm Braun führte von 28. Februar 1946 bis zur Außerdienststellung des Leichenwagens am 16. Juni 1963 ein Fahrtenbuch. Zu den Beerdigungen spannte er einen ruhigen Gaul ein, der Scheuklappen und eine schwarze Decke über dem Rücken trug. Auf dem Kutscherbock sah Braun nur in Trauer versunkene Menschen. Die Fahrten vom Wohnhaus zum außerhalb gelegenen Friedhof waren nicht sehr weit. Aber der Landwirt musste auch Verstorbene von Mainz und den umliegenden Orten abholen oder zu den Beerdigungen dorthin bringen.
Im Anblick eines solchen schwarzen Wagens wurde Oskar Schima vor Jahrzehnten zu seiner weltweit bekannten Melodie "Mamatschi" angeregt. Dort heißt es in der letzten Strophe, "Mamatschi schenk´ mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wär´ mein Paradies. Und viele Jahre sind vergangenen und aus dem Jungen wurd´ ein Mann, da hielt vorm Fenster dicht verhangen, vorm Haus ein prächtiges Gespann. Vor einer Prunkkarosse stehen vier Pferde, reich geschmückt und schön, sie trugen ihm sein armes Mütterlein, da fiel ihm seine Jugend ein. Mamatschi Trauerpferde wollt´ ich nicht."
Gegenwärtig ist die Alsheimer Restauratorin Iris Uhrig mit ihrer Kollegin Elisa Klein dabei, den Leichenwagen wieder so herzurichten, wie er einmal im Einsatz war. Keine Goldverzierungen werden aufgetragen, sondern lose Farbreste und Fehlstellen fachmännisch wieder ausgebessert. An den Eisenteilen konnte der Rost mit Stahlwolle beseitigt und das Kunstleder auf dem Dach mit Wollfett überzogen werden. Insgesamt sollen nach rund 120 Stunden die Arbeiten abgeschlossen sein.
Am Wochenende kamen zahlreiche Bürger, um den Fortgang der Restaurierung zu sehen. Viele alte Geschichten kamen mit dem VG-Chef sowie der Ortsbürgermeisterin Anita Wiedemann zur Sprache.
Die Gesamtkosten von rund 7000 Euro konnte Penzer über Spenden finanzieren. Die Generaldirektion "Kulturelles Erbe" gewährte einen Zuschuss von 3500 Euro. Bereits im April konnten die Holzwürmer in einem neuen Verfahren unschädlich gemacht werden. Der historische Leichenwagen wird künftig in der dazugehörigen Wagenhalle zu sehen sein.

