Niersteiner Pfarrer zu Sinn und Zweck der Fastenzeit
23.02.2012 - NIERSTEIN
Die närrischen Tage sind passé, die Fastenzeit beginnt. 40 Tage bewusster leben, ist deren Motto. Die AZ sprach mit Pfarrer Timo Haas über Sinn und Zweck des Verzichts.
Wie fastet man richtig?
Fasten soll frei machen, deswegen besteht Fasten oft in einer Selbsteinschränkung. Die Kunst besteht darin, sich herauszufordern, ohne sich zu überfordern. Ganz gleich ob „Fasten“ den Verzicht auf Speise meint oder eine andere Einschränkung des gewohnten Konsumverhaltens: Es wird nur dann eine fruchtbare Zeit, wenn ich in meinen Grenzen bleibe, diese aber auch wirklich spüre und ausprobiere. Gelingt dies, werde ich freier von Abhängigkeiten, und darum geht es. Beim christlichen Fasten wird die gewonnene Freiheit genutzt, sich Gott und den Mitmenschen zuzuwenden.
Was ist Ihre Erfahrung: Wie fasten die Menschen aus Nierstein und Umgebung?
Beliebte Fastenopfer sind Süßigkeiten- oder Alkoholfasten.
Ist Fasten überhaupt noch zeitgemäß?
Ja, sehr! In unserer Zeit haben wir sehr viele Möglichkeiten und können Vieles konsumieren. Gerade das Fasten hilft mir dabei, frei zu bleiben und tatsächlich genießen zu können. Abhängigkeiten oder stete Übersättigung vertreiben den echten Geschmack am Leben.
Für wen ist Fasten geeignet?
Für jeden, aber nicht für jeden auf die gleiche Art. Fasten sieht bei jedem etwas anders aus. Welche Konsumgewohnheit können Sie sich am wenigsten aus Ihrem Leben wegdenken? Wenn Ihnen da was einfällt, sind Sie meist auf der richtigen Spur. Ob es das Glas Rotwein am Abend ist, die Tasse Kaffee zum Frühstück oder die Angewohnheit, auch kurze Strecken mit dem Auto zu fahren - beim Fasten können Sie merken, dass Sie frei von solch scheinbar unerlässlichen Kleinigkeiten werden.
Worauf sollte man beim Fasten achten?
Beim Fasten muss ich sowohl die Unterforderung meiden, dann bleibt es fruchtlos und frustriert eher, als auch die Überforderung - dann schade ich mir, körperlich oder seelisch. Wichtig ist, dass ich mich wirklich dafür entscheide, zu fasten. Später werde ich meine Willenskraft brauchen, um meinem Vorsatz treu zu bleiben.
Was, wenn der Fastende nicht durchhält?
Wenn ich mein Fasten gebrochen habe, hilft nur Aufstehen und weiter Versuchen. Fasten zielt nicht auf Leistung und Perfektion, sondern auf Befreiung und Selbsterkenntnis. Dabei helfen auch die Fehlschläge, denn dann habe ich eine gute Gelegenheit, etwas über mich zu lernen: Was hat dazu geführt, dass ich mein Fasten gebrochen habe? Kommen diese Situationen öfter vor? Wie will ich damit besser umgehen?
Worauf verzichten Sie in den Wochen bis Ostern?
Das wechselt jedes Jahr. Dieses Jahr sind wohl Süßigkeiten angesagt - ein echtes Opfer. Und auch der Medienkonsum braucht eine Korrektur.
Das Interview führte Lena Fleischer

