Von Achim Schiff
KONZERT Julia Neigel begeistert in Dexheim mit einem Feuerwerk akustischer Vielfalt
Zunächst plappert das Klavier. Sanfter Melodienzauber streichelt Ohren, wie ein klingender Kommentar zum sommerlichen Abend zur Nacht. Julia Neigel schnappt sich mit kleiner Verbeugung das Mikro und begrüßt ihr Publikum mit "Ich bin da, wenn du mich brauchst".
Dass diese atemberaubende Stimme den Weg aus Sibirien nach Deutschland fand, und dass sie sich nach mehrjährigem Verstummen wieder erhebt, ist ein Glücksfall für Wundersüchtige. Keiner der Gäste im Weyell´schen Kulturhof wird dieses Feuerwerk an akustischer Vielfalt vergessen. Gerade Liebeslieder aus eigener Feder verraten, warum die einstige Rocklady auch als Texterin gefeiert wird. "Mit Abstand kann ich dich verstehen", singt sie und sucht doch den emotionalen Kontakt hier und heute, bleibt bei den Leuten. "Weil ich dich liebe, geb´ ich dich wieder her" - Percussions des Brasilianers Dalma Lima geben dem älteren Song Puls und Leidenschaft.
Überhaupt agiert da keine Diva, die ihr Personal wie Zwangsrekrutierte mitnimmt. Gitarrist Joerg Dudys, einer der gefragtesten Studiomusiker der Republik, darf dank Soli technische Perfektion mit Herz zeigen. Luft-Tastenspiele illustrieren, wie sehr Julia ihren jungen Pianisten Simon Nichols schätzt - Musik gewinnt durch Flügelschläge.
Gecovertes Material kommt neu entdeckt daher. "Ex-Jule" sah in Popschnulzen von Duran-Duran sicherlich nie die Speerspitze der Avantgarde. Ihre Version von "Ordinary World" teilt eigene Gänsehautgefühle gern mit anderen. Zuccheros "Madre Dolcissima" verliert alle italienische Macho-Eitelkeit und gewinnt an femininer Stärke. "The love of a women" zittert, bebt, gibt sich hin. Sie lobt Joe Cocker, der "Have a little faith in me" kongenial interpretierte, bringt aber sicher "Verursacher" John Hiatts ins Grübeln. Verlockender purzelte die Ballade nie aus Lautsprechern. Dann folgt wiegender Walzertakt auf spanisch: "Hijo de la luna!" Beifall brandet auf nach diesen fremd-vertrauten Titeln. Julia Neigel spricht an. Ansprechend weniger als ungemein attraktive Frau, die ihren mädchenhaften Charme nie aufgab, sondern als menschennahe Künstlerin. Pressefotografen wünschen sich, sie hätten einen Tonfilm eingelegt, auch wenn ihr Objektiv dieses Lächeln und das tief dekolletierte Korsett nicht verschmähen. Sinnlichkeit jenseits modischer Performance überzeugt, weil sie mit Sinn daherkommt. Coldplays "Speed of Sound" animiert zum Mitklatschen; "Incubus" verursacht wenig Alpdruck. "Crossover" baut wirklich Brücken.
"Niemand auf der Welt ist allein" - selbst wo Sentimentalität sich einschleicht, erzählt Julia doch nur, dass in jedem von uns Kitsch zu Hause ist. Vielstimmig mischt sich das Auditorium ein, singt mit.
Über drei Stunden leibhaftige Authentizität, eine gute Show zudem. Julia flüstert schreiend, rauchiges Timbre wandelt sich in Schmachten. Mal klingt die weiße Stimme schwarz, bald packt die Liedermacherin sämtliche Rockröhren aus der Hosentasche. Großartig, nebenbei. Zugaben im weißen Abendkleid zitieren natürlich ihren Bestseller "Schatten an der Wand". Aber auch das tönt anders als früher, leicht verschleppt, erwachsener.
Mutig, sich beim "Rauswerfer" an den Mythos Edith Piaf zu wagen. Ihr Mitbekenntnis, "Non, je ne regrette rien", lässt sicher keinen Spatz in Paris verstummen, aber die totgesagte Provinz vor Begeisterung pfeifen. Julia Neigel und ihre großartigen Mitstreiter fühlten sich wohl im Weingut. Warum sollte die obligatorische Tour zum neuen Studioalbum neben Hamburg, München und Berlin nicht auch Dexheim einplanen?

