„Weder festgefahren noch altbacken“
30.06.2010 - UELVERSHEIM
JUBILÄUM Uelversheimer Landfrauen setzen auf frischen Wind
(phi). Zur Kirchweih gab es früher, in lang zurückliegenden Kindertagen, Leckereien, die sonst nicht auf den Tisch kamen. Mutter verschwand dafür den ganzen Tag in der Küche. Doch was brodelte damals in den dampfenden Töpfen? Um das festzuhalten - und weil der Landfrauenverband Rheinhessen sein 60-jähriges Bestehen feiert - soll ein Kochbuch entstehen. Die AZ ist auf den Geschmack gekommen und besucht die Landfrauen vor Ort. Wie war ihre Arbeit damals und wie gestalten sich ihre Aktivitäten heute?
Zum Anbeißen lecker sieht die Philadelphia-Torte von Helga Lösch aus. Die Ehrenvorsitzende der Uelversheimer Landfrauen „backt“ sie im Kühlschrank, und es ist hoffnungslos zu versuchen, sich von der Leckerei nicht verführen zu lassen. Auch das Rezept des Bohnen-Mett-Topfes fand den Weg nach Alzey, um das Kochbuch zu bereichern. Doch die Uelversheimer Damen können mehr als kochen. „Früher hieß es, die Frau hat für die ,drei K‘ da zu sein - Küche, Kirche, Kinder“, berichtet Helga Lösch. Sie führte nicht nur 16 Jahre den Vorsitz im Ortsverein, sondern war auch Kreis- und dann Landesvorsitzende. Der ursprüngliche Anspruch der Landfrauenvereine war es, einen Weg in ein selbstbewusstes Leben aufzuzeigen. Gegründet wurde der Verein zusammen mit den Weinolsheimerinnen im Jahr 1969; zehn Jahre später teilte man sich. Waren zunächst die Themen der Vorträge „Wie schreibe ich einem Brief an den Landrat“, sind es jetzt Exkursionen, Ernährungsberatung, Sport und mehr. Die Frauen heute sind selbstständig, im Umgang mit modernen Medien versiert. Für den Verein, der den Anstoß dazu gegeben hat, ist das ironischerweise ein Nachteil. Eingespannt in Beruf und Alltag ist nun immer weniger Zeit für gelebte Gemeinschaft. „Sicher braucht man keinen Verein, um etwas zu unternehmen, aber das Miteinander ist unersetzbar“, weiß Vorsitzende Anneliese Schäfer. „Viele der jungen Frauen wissen gar nicht, wie viel Spaß wir haben“, lacht Brigitte Werner. Sie hat die Übungsleiterlizenz gemacht und ist Seniorenberaterin beim Landessportbund Rheinland Pfalz. Werner leitet sehr erfolgreich die Gymnastikgruppe, die sich immer dienstags trifft. „Jeder macht so, wie er kann“, sagt sie und ist stolz darauf, dass diese Übungsstunden enorm das körperliche Wohlbefinden steigern und erhalten, wie ihr von allen Seiten bestätigt wird. Ihre älteste Teilnehmerin wird demnächst 90 Jahre jung und ist immer noch fit. Die engagierte Vorstandsfrau Elsbeth Möller bedauert den mangelnden Zulauf aus der jüngeren Generation und ermuntert: „Wir alte Knerzje sind weder festgefahren, noch altbacken, sondern offen für Alles.“
Besonders lieben es die Frauen, wenn es im Sommer donnerstags mit dem Fahrrad durch das rheinhessische Hügelland nach Hillesheim zur Kneipp-Anlage geht. In den Wintermonaten werden gemeinsam Kränze gebunden. „Designerstücke“, wie Werner die Kunstwerke beschreibt. Sie sind der Renner auf dem Adventsmarkt, den die Frauen mitgestalten. In früheren Jahren hat der Verein in jedem Jahr zur Kerb einen Motivwagen gebaut. Mal war es das Holzmodell des Wäschbach-Brunnens, mal einer voller Sonnenblumen. Besonders gelungen war der Kartoffelwagen: Obenauf thronte würdevoll die frisch gewählte Kartoffelkönigin Anita Schreiber, eine der Mitgründerinnen des Vereins. Bis in die 90er Jahre heimste die Gemeinde viele Preise für die Dorfverschönerung ein. Dank der Landfrauen, die den „Ort der Rosen und des Weines“ bepflanzten, hegten und pflegten. Sie haben die Patenschaften für Grünflächen übernommen und verwandelten sie unter Anleitung von Marlo Schwind in blühende Oasen. Die Frauen sind traurig, dass das leider auch der Vergangenheit angehört und vielen Plätzen der Blumenschmuck nun fehlt. Aber sie blicken tatendurstig in die Zukunft: Ein Frauenfrühstück wollen sie mal veranstalten.Vom Landfrauenverband gibt es Gutscheine für ein Jahr kostenlose Mitgliedschaft im Verein - beste Gelegenheit, die fröhliche Gemeinschaft kennen zu lernen.

