Von Helena Sender-Petry
HOCHWASSERSCHUTZÜBUNG Thomas Günther übt Kritik an Einsatzleitung in Dalheim
VG NIERSTEIN-OPPENHEIM. "Grundsätzlich" bewertet der Niersteiner Ortsbürgermeister Thomas Günther die erste, groß angelegte Hochwasserschutzübung der VG Nierstein-Oppenheim positiv (die AZ berichtete mehrfach). Und er versichert, dass alle Einsatzkräfte "gute Arbeit geleistet haben". Auch deshalb werde die CDU im VG-Rat beantragen, einen "Dankeschön-Abend" für alle Beteiligten zu organisieren. Günthers Kritik am Ablauf der Übung zielt in eine andere Richtung: "Das Problem war die Einsatzleitung in Dalheim. Ich konnte beobachten, dass beispielsweise Feuerwehren und andere Hilfskräfte stundenlang auf ihren Einsatz warten mussten."
Günther weiß auch, warum: "Der Funk hat nicht funktioniert. In der Dexheimer Kaserne wurden die Leute, die seit 7.30 Uhr vor Ort waren, zwischen 10.30 und 12 Uhr erstmals abgerufen. Das drückt doch auf die Motivation", ist der Niersteiner Ortsbürgermeister überzeugt. Er kann zudem nicht nachvollziehen, warum keine Melder eingesetzt wurden, denn: "Wenn man nach 30 Minuten merkt, dass die Technik versagt, muss reagiert und nach Alternativen gesucht werden." Auch konnte Günther, der mit anderen Ortsbürgermeistern an diesem Samstag unterwegs war, beobachten, dass Funker bis zu 50 Zettel vorliegen hatten. "Es waren keine Prioritäten erkennbar, keiner der Zettel war in diesem Sinn gekennzeichnet", kritisiert er.
Auch Mitarbeiter des Niersteiner Bauhofs hätten bis nach 11 Uhr untätig in Dexheim gewartet. Erst gegen 12 Uhr sei der Lastwagen mit dem Material eingetroffen, um den "Verschluss dicht zu machen". Laut Günther sind Sandsäcke nicht an ihr Ziel gelangt.
Dass es womöglich zu wenige Lastwagen gab, um den Transport sicher zu stellen, will Günther nicht gelten lassen: "Ein THW-Laster kam gar nicht zum Einsatz." Der Niersteiner Ortsbürgermeister räumt ein, dass eine Übung dazu da ist, "Schwachstellen aufzuspüren und daraus zu lernen". Nichtsdestotrotz ist er der Meinung, dass die Übung überdimensioniert und von der Einsatzleitung in Dalheim schlecht koordiniert gewesen sei. "Es wäre sinnvoller gewesen, wenn die einzelnen Gemeinden den Notfall für sich geübt hätten. Ich habe die Verantwortung für Nierstein, und im Notfall werden wir einen Alleingang machen, um eine Überflutung zu verhindern."
VG-Chef und Feuerwehrdezernent Klaus Penzer reagierte gestern gelassen auf Günthers Kritik: "Eine Übung ist dazu da, Schwachstellen aufzudecken. Hier wurde auf unterschiedlichsten Ebenen agiert, die Einsätze waren facettenreich, und es ist selbstverständlich, dass nun eine Analyse folgt", stellt er klar. Alle Abschnittsleiter hätten das Geschehen protokolliert, "nun werden die Fakten gesammelt, von der Einsatzleitung ausgewertet und selbstverständlich diskutiert". Erst dann werde er an die Öffentlichkeit treten und ein abschließendes Fazit der ersten Großübung in der VG ziehen.


Günther versteht es nicht
Lieber Herr Günther,
es gibt eine weise Empfehlung: Wenn man von etwas keine Ahnung hat, sollten man auch Zurückhaltung üben. Liest man den Artikel, möchte man meinen, Sie wollen damit nur Politik machen. Aber sei es drum, Ihre Meinung und Fehleinschätzung gilt es hier einmal zu widerlegen:
1. Die Übung war eine sehr verkürzte, reduzierte und kompakte Simulation einer echten Hochwasserschadenslage. Ein solcher Großeinsatz bei einen echten Hochwasser dauert nicht ein paar Stunden sondern mehrere Tage. Und die Ereignisfolge wird auch um ein Vielfaches komplexer und massiver sein, als in dieser Übung.
2. Jeder vernunftbegabte Einsatzleiter wird genau aus diesem Grund niemals sofort alles und jeden, was bzw. wen er im Bereitstellungsraum stehen hat, vollständig und restlos in den Einsatz schicken. Denn wenn am Anfang direkt alle „verheizt“ werden, steht die Einsatzleitung irgendwann ohne Reserven da. Irgendwann ist jeder Kraftstofftank leer und jeder noch so engagierte Helfer hungrig, müde und platt. Daher ist eine Staffelung nicht nur sinnvoll sondern zwingend nötig.
3. Jeder vernunftbegabte Einsatzleiter wird Geräte und Einsatzkräfte dann gezielt einsetzen, wenn diese gebraucht werden und nicht einfach rufen „So, alles los und viel Spaß!“. Nur diese koordinierte Steuerung ermöglicht die strukturierte und sinnvolle Abarbeitung von Einsatzaufträgen. Nur diese Koordination vermeidet Chaos.
4. Wartezeiten für einzelne Einheiten sind völlig normal und in einem realen Hochwasserfall können diese Wartezeiten aus den in Punkt 1. genannten Gründen auch mal einem halben oder ganzen Tag andauern. Das ist für die „Wartenden“ sicher frustrierend, aber damit muss man leben. Oder wollen Sie, lieber Herr Günther, wenigstens mal „alle eine Runde um den Block fahren lassen“, damit sich jeder mal bewegt hat. Es geht bei so etwas nicht um Beschäftigungstherapie, sondern um die Abarbeitung der einzelnen Schadenslagen des gesamten Szenarios.
5. Die Funkprobleme, die in der Tat bestanden, konnten, wie Sie in den Artikeln über die Übung lesen konnten, gelöst werden! Hier haben sich die Fachkenntnis und das Improvisationstalent einzelner Organisationen bewährt. Und auch dazu ist eine solche Übung da, um solche Schwachstellen zu identifizieren und durch Improvisation zu lösen, was gelungen ist!
6. Ihr Ansinnen, das Nierstein im Hochwasserfall einen „Alleingang“ macht und sich selbst hilft, ist einerseits Unsinn und zeigt, dass Sie sich nicht mit der Materie beschäftigt haben und ihnen der Blick für die Realität in diesem Zusammenhang fehlt. Ein Hochwasser ist kein lokales ortsgebundenes Phänomen. Es säuft nicht „nur Nierstein“ alleine ab, sondern eine ganze Region. Daher hat eine Ortsgemeinde alleine keine Chance in einem solchen Alleingang zu bestehen sondern würde scheitern. Oder glauben Sie alle benötigten Hilfs- und Fachkräfte würden aus ihrem Material und Personal jeweils ein separates „Sonderkommando-Nierstein“ entsenden?
Außerdem sieht der Gesetzgeber genau die Kommando- und Infrastruktur vor, die am Samstag etabliert wurde. Und wäre der ganze Landkreis von der Schandenslage betroffen, dann wäre Landrat Schick in der Rolle des Einsatzleiters. Sprich auch rechtlich wäre es gar nicht möglich, dass ein Thomas Günther sich seine Ortsfeuerwehr und seinen Bauhof schnappt und sagt „Ich mach das im Alleingang.“ Eben deshalb ist Ihre Idee, dass bei so einer Übung alle Gemeinden separat üben sollten völlig falsch. Eine solche Großschadenslage kann man nur im großen Stil bekämpfen und nicht mit einem Rudel ehrgeiziger Orts-Individualisten.
Auch für Herrn Penzer war das eine Premiere und Feuertaufe und er hat seine Sache sehr gut gemacht. Denn er hat mit der Führungsstaffel und den Fachberatern der Hilfsdienste die Kompetenz zur Verfügung gehabt, um richtig und sinnvoll handeln zu können. Wollen Sie bei Ihrem Alleingang alles selbst wissen, selbst können und selbst entscheiden? Nur weil Sie der Feuerwehr mal beim Löschen zugeschaut haben, sind Sie noch lange kein Experte. Das Konzept der Technischen Einsatzleitung, wie am Samstag genutzt, ist Bundesweit erprobt und etabliert.
7. Auch scheinen Sie den Sinn und Zweck einer solchen Übung nicht richtig erfasst zu haben. Es geht darum, festzustellen, was bereits alles funktioniert. Aber eben vor allem auch darum, zu sehen, wo es Optimierungs- und Ausbildungsbedarf gibt. Sicher, wer wenig oder nicht zum Einsatz kam, der ist frustriert, aber es geht nicht um Beschäftigungstherapie! So eine Übung ist kein großer Spielplatz für Erwachsene, wo sich alle mal eine Runde austoben dürfen und die, die auf der Ersatzbank sitzen blieben, dann später zu Hause beim Papa heulen.
8. Das positive Fazit, dass alle Beteiligten aus der Übung gezogen haben, ist absolut berechtigt! Die VG hat gesehen, was sie bereits kann und wo sie bereits „fit“ ist. Und die VG hat erkannt, wo weiter ausgerüstet und ausgebildet werden muss. Eine Übung bei der alles 100% perfekt läuft ist überflüssig. Auch dient eine solche Übung nicht dazu, individuelle oder örtliche Eitelkeiten zu befriedigen.
9. Die Zusammenarbeit aller Beteiligten, die in dieser Form und Umfang noch nie geprobt wurde, hat sehr gut funktioniert. Daran erkennt man den hohen Ausbildungsstand und die Professionalität aller Hilfs- und Rettungsdienste. Die Koordination einer so großen Zahl von Organisationen, Helfern und Gerätschaften durch die Einsatzleitung ist in diesem Ausmaß erstmals bewältigt worden und hat ausgesprochen gut funktioniert. Nachbesserungsbedarf gibt es immer. Aber Sie, lieber Herr Günther wollen jetzt aus politisch-taktischen alles kaputt reden. Das ist nicht fair und nicht in Ordnung. Wäre ein CDU-Mann statt Penzer am Ruder gewesen und wäre die Übung 100% genau so gelaufen, dann würde man sie jetzt in den höchsten Tönen Lobgesängen singen hören!
Mag sein, dass Sie, wie auch ihr Amtskollege in Oppenheim, damit zu kämpfen hatten, dass Sie bei der ganzen Sache keine wichtige Rolle gespielt haben. Aber aus der Übung jetzt wieder Munition für einen politischen Schlagabtausch ziehen zu wollen, dass ist peinlich.