Im Tal der Ahnungslosen - Nackenheimer Familie hat als einzige in der Nachbarschaft keinen schnellen DSL-Anschluss
21.02.2012 - NACKENHEIM
Von Sascha Diehl
Karin Leineweber fühlt sich verschaukelt. Vor vier Jahren hat die 47-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Dietmar ein 1 000-Quadratmeter-Grundstück im damals neu ausgewiesenen Gewerbegebiet am Ortsrand Richtung Bodenheim gekauft. Die Idee der Leinewebers: Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. „Mein Mann hat seine Baufirma hierher verlegt“, erzählt Karin Leineweber, „und ich habe meine Pension eröffnet“. Ein Plan, der zunächst aufzugehen schien - bis die Probleme losgingen.
Gewerbetreibende fühlen sich benachteiligt
Seit Jahren versucht das Ehepaar vergeblich, einen vernünftigen, sprich schnellen, Internet-Anschluss von der Deutschen Telekom AG zu bekommen. „Den“, meint Karin Leineweber, „brauchen mein Mann und ich als Selbstständige dringend, sonst können wir nicht arbeiten“. Schließlich müsse ihr Mann per E-Mail mit seinen Kunden kommunizieren oder „bekommt viele Aufträge online“. Noch gravierender wirke sich das Fehlen eines DSL-Anschlusses auf sie aus. „Ich kann noch nicht mal vernünftig Werbung im Internet machen“, klagt die Gastwirtin, die „gar nicht wissen will“, wie viele potenzielle Gäste ihr deswegen durch die Lappen gehen. Das Kuriose am Kampf der Familie um einen DSL-Anschluss: Zum einen, meint Dietmar Leineweber frustriert, „haben alle unseren Nachbarn einen Anschluss“, zum anderen „steht der Verteilerkasten für die Anschlüsse direkt vor unserer Haustür“.
Dass die Leinewebers sich trotz der vermeintlich guten Voraussetzungen mit einer lahmen Funk-Verbindung ins Internet begnügen und in ihrem privaten Tal der Ahnungslosen zurechtkommen müssen, liegt daran, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes zu spät nach Nackenheim gekommen sind. „Als wir einen DSL-Anschluss beantragt haben“, erinnert sich Karin Leineweber, „hat uns die Telekom gesagt, dass alle Anschlüsse belegt sind und wir deshalb keinen mehr kriegen“. Ein Unding, finden die Gewerbetreibenden, zumal Kundenfreundlichkeit anders aussehe. „Wir sind schon ewig Telekom-Kunden“, schimpft Karin Leineweber, „und bezahlen unsere Rechnungen“. Dass der Bonner Konzern sie im Stich lasse, „wenn man die mal braucht“, lasse tief blicken. „Kassieren“, glaubt sie, „das können die, aber sonst nix“. Ähnliche Vorwürfe macht Karin Leineweber auch der Gemeinde.
„Kommune hätte auf Anschlüsse achten müssen“
Denn: Die, sagt die 47-Jährige, „hätte bei der Ausweisung des Gewerbegebiets doch darauf achten müssen, dass es genügend schnelle Internet-Anschlüsse gibt“. Zumal „gerade Leute, die selbstständig sind und ein Gewerbe haben, heutzutage aufs Internet angewiesen sind“. Die Hoffnung, dass sich bald etwas ändert, hat das Ehepaar unterdessen aufgegeben. „Bei der Telekom hat man uns klipp und klar gesagt, dass es keine zusätzlichen Anschlüsse gibt, weil man nichts investieren will“, erzählt Dietmar Leineweber kopfschüttelnd.
Der letzte Strohhalm, an den sich die Familie klammert, ist ihre Nachbarschaft. „Wenn die ganzen Grundstücke, die jetzt noch brachliegen, bebaut werden und die Leute auch DSL-Anschlüsse beantragen“, hofft Karin Leineweber, „hat die Telekom vielleicht so viel neue Kunden, dass sie neue Anschlüsse verlegen“. Das Problem: Bis es so weit ist, könnten noch Jahre vergehen, sodass die Familie nichts anderes tun kann, als das Beste aus ihrer misslichen Internet-Lage zu machen und sich damit abzufinden, dass sie vorm PC auf drehende Eieruhren starren muss.

