Vor 20 Jahren verabschiedeten sich die Gonsbachlerchen von der Fastnachtsbühne
15.02.2012 - GONSENHEIM
Von Joe Ludwig
„Das war’s, ihr Leut’, das war’s, die Gonsbachlerchen sagen Wiederseh’n!“ - Exakt 20 Jahre ist es schon her, dass wir uns nach einer 46-jährigen Erfolgsgeschichte mit diesem Lied von der Bühne verabschiedeten. Und zwar endgültig.
Charly Steingötter klappte den Klavierdeckel zu
In der Montur von Matrosen gingen wir von Bord unseres Narrenschiffes. Charly Steingötter klappte den Deckel des Klaviers zu, das vor ihm Werner Hanselmann sechs und Herbert Bonewitz 33 Jahre lang bespielten, und ich hing meine Kapitänsmütze symbolisch an der Kommandobrücke an den Haken. „Ihr habt Mainzer Fastnachtsgeschichte geschrieben“, verabschiedete uns Sitzungspräsident Bernd Mühl auch aus dem TV-Geschehen, und im Saal wurden Tränchen vergossen. Der Gonsenheimer Carnevalverein, dem wir 40 Jahre lang die Treue hielten und dessen 100jähriges Jubiläum wir uns zum Ziel gesetzt hatten, ernannte uns zu Ehrenmitgliedern. Schließlich verdankte er uns 1968 auch den Einzug in die Reihe der Fernsehkorporationen. Die Stadt verlieh uns die Gutenbergplakette als höchste kulturelle Auszeichnung.
Unser Erfolg basierte auf ständiger Ideenfindung und harter Probenarbeit. Wir haben uns in der Thematik und in Darstellungsformen von Anfang an nie wiederholt. Fernab von purem „Larifari“ lehnten wir uns so fröhlich wie kritisch an aktuelle Geschehnisse an und verschrieben uns immer passende Melodien aus allen Kompositionsbereichen.
Es sei in Beispielen erinnert an die frühe Persiflage auf die Debatten um die deutsche Beteiligung an der Aufstellung einer Atlantik-Armee (1952), den Spott über die Halbstarken (1957) und über die Reisewelle nach Italien (1960).
Honecker-Klamauk und „Wetten, dass...?“-Gespött
Zum 2000. Stadtgeburtstag gründeten wir 1962 Mainz als Römer auf unsere Weise, nahmen 1967 die Übertreibungen im Wohlstand der Gesellschaft auf die Schippe und scheuten uns auch nicht, 1969 mit einem eigenen Prinzenpaar allzu pompöse Kürungen zu verjuxen.
Schildbürger befassten sich 1979 mit Politik, und als Schulklasse zogen wir 1981 über Schulformen und Unterrichtsmethoden her. Im Olympiajahr 1984 befassten wir uns in Wettkämpferrollen mit der Kommerzialisierung der Spiele, verhohnepipelten 1985 bei unserem eigenen „Wetten, dass...?“ sogar Honecker und leisteten 1989 mit der Gründung Gonsenheims den längsten, vielbelachten Fernsehsitzungsbeitrag.
Nur zweimal flimmerten wir seit 1956 nicht über die Mattscheibe: 1976 war unser „Flohmarkt“ wohl etwas zu farblos. Und 1986 verzichteten wir auf unsere Reisebüro-Darstellung; ihr Höhepunkt war nämlich eine Persiflage auf die Raumflüge, als das dramatische Challenger-Unglück geschah.
Viereinhalb Stunden lang Jubiläumsprogramm 1986
Ein anerkennendes Schreiben des damaligen amerikanischen Botschafters Richard Burt sorgte für große Resonanz in der deutschen Presse. Wir bestritten rund 700 Fastnachtssitzungen, waren aber auch außerhalb der Kampagne auf über 600 Bühnen und bei zahlreichen Unterhaltungssendungen zu Gast.
Wie vielseitig wir uns geben konnten, wurde 1986 bei unserem 40-jährigen Bestehen bewiesen: Da gestalteten die 14 Lerchen in ihrem Nest, der Vorort-Turnhalle, und nur von einer Kapelle unterstützt, mit Vorträgen, Zwiegesprächen, Eröffnungsspiel, Solo- und Gruppengesängen, Männerballett und Sketchen ein viereinhalb Stunden dauerndes Sitzungsprogramm. Das Komitee war mit lebensgroßen Pappkameraden mit den Konterfeis der jeweiligen Bühnenakteure besetzt.
Das Südwestfernsehen widmete uns zum Abschied den Filmbeitrag: „Gonsbachlerchen ade - eine Fastnachtsgruppe geht in Pension“.
Der Autor war Gründer, Texter und Chef der Gonsbachlerchen und ist heute noch Mitarbeiter der Allgemeinen Zeitung

