Medizin kommt aus dem Schwamm
26.07.2011 - MAINZ
Von Werner Wenzel
BIOTECMARIN Forscher setzen auf Substanzen aus dem Meer
Prof. Dr. Werner E. G. Müller hat es schriftlich. Sein Projekt „Biotecmarin“, in dem Biomaterialien aus dem Meer erforscht werden, ist ein „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“. Angesiedelt ist dieses Kompetenzzentrum nun seit knapp zehn Jahren im Mainzer Institut für Physiologische Chemie, das zur Universitätsmedizin gehört. Schwämme sind es, denen sich Müller und ein gutes Dutzend Kollegen widmen, aus der Erforschung dieser Tiere erhoffen sie sich weitere Erkenntnisse, die in der Medizin auch praktische Anwendung finden.
Er selbst habe sich unmittelbar nach seiner Promotion mit den Schwämmen befasst, sagt der Molekularbiologe, fasziniert von den Tieren aus dem Meer, von denen man ziemlich wenig wusste. Wie sie es schafften, 700 bis 800 Millionen Jahre lang auf der Erde zu überleben, das habe er wissen wollen, zumal sie UV-Strahlung, Kälte und Hitze ausgesetzt waren. „Jedes Kilogramm Schwamm filtert zudem am Tag eine Tonne Meerwasser, das mit Bakterien durchsetzt ist. Da muss es als Schutz eine chemische Keule geben“, so Müller. Diese und viele andere Mechanismen zu ergründen, waren Müller und seine Kollegen angetreten, und sie haben eine Reihe von Ergebnissen vorzuweisen, Wirkmechanismen aufgeklärt, isoliert, beschrieben und teilweise auch synthetisiert und bis zur klinischen Anwendung gebracht.
Viele Mechanismen, die beim Schwamm funktionieren, laufen auch beim modernen Menschen ähnlich ab, erklärt Müller. Das liege auf der Hand, wenn man davon ausgeht, dass sich alles Leben aus einem Stamm entwickelt habe. Etwa 80 Prozent der Stoffwechselwege und Proteine seien ähnlich denen des Menschen, sagt er.
„Wir haben hier viele Projekte durchgeführt, deren Ergebnisse klinische Anwendung finden“, so Müller. Unter anderem gehören dazu Substanzen, die eine schonendere Therapie von Hauttumoren ermöglichen, oder bei Herpes-Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden, und ein Medikament, das zur Behandlung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit eingesetzt werden könnte.
Aus Kroatien und Südchina, aus dem vereisten Baikalsee und dem Schwemmland im Amazonas-Urwald holen Müller und seine Kollegen ihre Forschungsobjekte.
Besonders große Hoffnungen setzen sie derzeit auf das Skelett des Gießkannenschwamms. Es besteht aus einer Art Glasfaser, leitet Licht, ist außerordentlich stabil und wird produziert von einem Enzym namens Biosilikatein. Dieses haben Müller und seine Kollegen isoliert und damit das Schwammglas im Reagenzglas nachgebaut. Als Knochenersatzstoff beim Menschen könnte das Biosilikat dann zum Einsatz kommen, in Zahn- oder Knochenprothesen. Und vielleicht kann das Biosilikatein sogar menschliches Knochenwachstum stimulieren.
Müller erklärt all dies gerne, auch in der Ausstellung „Spektrale 2011“ in der Rheingoldhalle präsentiert er die Ergebnisse seiner Schwamm-Forschungen. Und aktuell sind die Planungen angelaufen für eine andere große Ausstellung, wo Müller Rheinland-Pfalz vertreten soll, - auf der Expo 2012 in Seoul. „Wir als Binnenland“, schmunzelt der Forscher. Doch wichtiger als die Lage ist eben auch hier die Umgebung. „Das Umfeld“, so sagt er - also Universität, Klinik, Max-Planck-Institute und die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen - „das Umfeld hier ist ideal für unsere Forschung.“ Binnenland hin oder her.

