Professor Vahl zu Feinstaub und Fluglärm
Mainzer Mediziner erregen Aufsehen, weil sie aktiv die Diskussion um Feinstaub und Fluglärm führen. Auch die "Nachtvorlesung" hat die strittigen Themen aufgeriffen. Professor Christian-Friedrich Vahl, der die Reihe mit der AZ ausrichtet, zieht eine Zwischenbilanz.
Das Spiel "Mensch ärgere Dich nicht" wird im Kontext der aktuellen Nachtvorlesungsreihe "umweltbedingte Erkrankungen" zitiert. Warum? Vahl: Das Faszinierende an diesem Spiel ist doch, dass bis zuletzt nichts entschieden ist. Ähnlich ist es bei Entscheidungen, die die Umwelt betreffen. Erst jetzt liegen neue Befunde vor, die - wenn man sie ernst nimmt - alles das, was man vor zehn Jahren gedacht hat, erheblich relativieren. Bei allem Ärger lebt dieses Spiel von Momenten der Hoffnung und Unvorhersehbarkeit. So lange nicht alle Fakten auf dem Tisch sind, sollte man das Spiel offen halten. Ist das ein Vorwurf an die Politik? Vahl: Nein, man kann der Politik derzeit keinen Vorwurf machen. Die jetzt vorliegenden, alarmierenden Untersuchungen zu Feinstaub und Lärm sind neu und lagen zum Zeitpunkt der Planungen doch noch gar nicht vor. Und es ist ja etwas anderes, wie vor zehn Jahren von Belästigungen zu sprechen als von massiven gesundheitlichen Risiken, denen die Menschen hier ausgesetzt werden sollen, wie es die aktuellen Untersuchungen belegen. Und welche Rolle hat die Nachtvorlesung? Vahl: Eine sachliche und hochaktuelle Informationsvermittlung für die Bürger durch Universitätsmediziner zu leisten. Dann kann der Bürger aus der Region selbst sehr sorgfältig schauen, wie Politiker mit der neuen medizinischen Datenlage umgehen. Das stete Wiederholen von zehn Jahre alten Erkenntnissen ist ja nicht gleichbedeutend mit politischer Glaubwürdigkeit. Was sagen Sie heute zu Fluglärm und Feinstaub? Vahl: Soweit ich die vorliegenden Befunde verstehe, ist es gesichertes Wissen, dass Feinstaubbelastung und Lärmlast durch Flugverkehr nicht nur eine Belästigung darstellen, sondern mit Lebenszeit verkürzenden Krankheiten der Lunge, von Herz und Kreislauf und des Nervensystems assoziiert sind. Es wurde klar dargestellt, dass das Rhein-Main-Gebiet bereits heute eine so hochbelastete Region ist, dass die Rhein-Mainer getrost zum Erholungsurlaub ins Ruhrgebiet fahren können. Wollen Sie sagen, wenn die Politik Fluglärm und Feinstaub toleriert, opfert sie dafür Lebenszeit der Menschen in der Region? Vahl: So einfach ist es nicht. Ein risikofreies Leben gibt es nicht. Als Ärzte empfinden wir den Auftrag, die Risiken, von denen es heute erwiesen ist, dass sie bereits Kinder schädigen und schwere Erkrankungen begünstigen, dass wir diese Risiken vermindern. Fluglärm und Feinstaub sind solche Risiken. Kohlekraftwerk und Fluglärm erscheinen im Moment alternativlos? Vahl: Wenn man will, gibt es doch immer Lösungen. Minister a.D. Bauckhage hatte seinerzeit angeregt, die Fluglärmbelastung in kaum besiedelte Gebiete zu transferieren und hatte konkret einen Ausbau von Frankfurt Hahn vorgeschlagen mit einer Expressverbindung von Frankfurt nach Hahn. Das ist doch ein gesundheitspolitisch und verkehrpolitisch hervorragender Vorschlag. Wie wird es weitergehen? Vahl: Ein Medikament, das derart verheerende Nebenwirkungen hat, würde unverzüglich vom Markt genommen und zöge konkrete Entschädigungsansprüche nach sich. Ähnliche Maßnahmen scheinen in Bezug auf Feinstaub und Fluglärm nach der medizinischen Datenlage zum Schutz der Gesundheit wünschenswert. Das Gespräch führte Erich Michael Lang


