Von Wolfgang Degen
ANALYSE Wer unbedarft im Internet unterwegs ist, erlebt nicht selten ein teures Nachspiel
/WIESBADEN. Manfred G. ist verwundert: 96 Euro soll er zahlen, der Preis für ein Jahresabo, er habe sich am 23.Februar, auf die Sekunde genau um 23.12.34 Uhr, im Internet auf der Seite www.top-of-software.de verbindlich angemeldet, behauptet die Antassia GmbH. Laut Briefkopf mit Sitz in der Rhabanusstraße 10 in Mainz. Manfred G. bestreitet, sich angemeldet zu haben und damit Mitglied zu sein: Zu je acht Euro im Monat, Laufzeit zwei Jahre. Dafür erhalte er "redaktionell aufbereitete Inhalte zum Thema Software". Eine Umschreibung für Humbug. Von einem rechtsgültigen Vertrag könne keine Rede sein, beharrt Manfred G.. Er erlebt bei seinem Widerspruch eine Einbahnstraße der Kommunikation: Die Antwortmail des Wiesbadeners an Antassia kam zurück - nicht zustellbar.
Der 56-Jährige ist in einer einschlägigen Abo-Falle unseriöser Online-Anbieter gelandet. Sie locken mit vermeintlich kostenlosen Diensten, geschickt inszeniert, denn der Kostenhinweis ist oftmals versteckt. Es wird mit dem Anschein gearbeitet. Geködert wird mit Kochrezepten, Software, Hausaufgabenhilfen, Arzneimitteltests, mit Gewinnspielen in allen denkbaren Varianten, da gibt es den Bewerbungsmanager, den Führerscheintest, die Namens- und Ahnenforschung, gelockt wird mit Testfahrer, Fabrikverkauf, der Katzen-Club fehlt ebenfalls nicht, und wer will, kann sich mit dem Angebot einer persönlichen Lebenserwartung Geld aus der Tasche ziehen lassen.
Wer auf die vermeintlich kostenlosen Angebote zugreifen will, muss Name und Adresse angeben. Was als Formalie getarnt daherkommt, ist das Tor zum World Wide Nepp. Verbraucherschützer klagen über das fast ungehemmte Treiben der Nutzlos-Branche.
Nutzlos für Mitglieder, aber einträglich für die Abzocker: Allen Warnungen zum Trotz tappen mehr als 20 000 arglose Internetnutzer in die Fallen, so Schätzungen des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in Berlin. Der jährliche Schaden liege im mehrstelligen Millionenbereich. Offeriert werden zum Teil Dienste und Programme, die es von seriösen Anbietern im Internet tatsächlich kostenlos gibt.
Notwendiger Bestandteil der Nutzlos-Branche sind Anwälte oder Inkassofirmen, die dann das Geld eintreiben. Mit Schreiben, die Drohkulissen aufbauen und einschüchtern, etwa mit der angekündigten Schufa-Eintragung. "Nicht Wenige zahlen verunsichert oder aus Angst die haltlosen Forderungen", heißt es beim Verbraucherzentrale Bundesverband.
"Beim Schreiben eines Inkassobüros knicken manche Betroffene ein", bestätigt Lore Hermann-Karch von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. "Der Inhalt der Schreiben hört sich dramatisch an". Der Rat der Verbraucherschützer setzt auf Ignorieren der Zahlungsforderungen und Ruhe bewahren: "Durch Rechnungen und Mahnschreiben solcher Firmen sollen sich Verbraucher nicht einschüchtern lassen". Die Verbraucherzentrale hat einen Musterbrief entwickelt, mit dem unberechtigte Forderungen zurückgewiesen werden können. Die Gefahr, von den Firmen verklagt zu werden, sei gering, sagen Verbraucherschützer.
"Gestern hatten wir in einer Stunde allein sechs Anrufe wegen der Firma Antassia", schildert Hermann-Karch. Seit Anfang des Jahres wurden die Verbraucherzentralen mit Beschwerden über die Antassia überschwemmt. Die Spurensuche in Mainz führt ins Nichts: "Bei dieser Firma brauchen Sie gar nicht zu klingeln. Da war nie jemand da", sagt eine Hausbewohnerin. Sie spricht von "Briefkastenfirma". Wer telefonisch nachhakt, hört entweder endlos Musik oder die Bandansage - "der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar."
"Betrug", wettern im Internet Betroffene der Abo-Falle. Was gefühlt eine Straftat zu sein scheint, ist juristisch weitaus schwieriger: "Es läuft ein Verfahren wegen Verdachts des Betruges", bestätigt der Leiter der Staatsanwaltschaft Mainz, Klaus-Peter Mieth. Die bisherigen Auswertungen sollen den Vorwurf nicht erhärtet haben.
Eine Täuschung der Nutzer sei nicht erkennbar, heißt es bei der Polizei. "Die Nutzer werden darauf hingewiesen, dass sie sich aktiv registrieren lassen müssen und dass das Angebot Geld kostet", meint Pressesprecher Achim Hansen. Er mahnt mehr Sorgfalt und Vorsicht der Verbraucher an. "Man muss solche Angebote schon kritisch durchlesen und nicht zu schnell weiter klicken."
Transparenz gefordert
Ganz anders sehen Verbraucherschützer die "Schuldfrage": "Die Hinweise auf die entstehenden Kosten finden sich nur in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen und unscheinbar am Rande der Anmeldemaske", kritisiert die Verbraucherzentrale Hessen. "Bereits aus diesem Grund kommt es in Fällen wie diesen regelmäßig nicht zu einem Vertragsverhältnis, das eine Kostenpflicht begründen würde", so Peter Lassek, Rechtsanwalt bei der Verbraucherzentrale.
Um den Kostenfallen der "Online-Mafia" endlich Einhalt zu gebieten, sei die Politik gefordert, heißt es beim Verbraucherzentralen-Bundesverband. Notwendig sei eine Kostentransparenz, sagt Pressesprecher Christian Fronczak: "Kosten, die bei Verträgen im Internet entstehen, sollten die Verbraucher über ein gut sichtbares Feld immer separat bestätigen müssen". Wie in Frankreich praktiziert, Kostenfallen seien dort kein Thema.
Hase und Igel
Wer sich gezielt mit den Fallenstellern im Netz befasst, stößt auf einen Kreis einschlägig bekannter Personen. Sie treiben seit Jahren das Hase und Igel-Spiel: Werden die Firmen abgemahnt, bauen sie ihre Angebote entweder mit geringer Anpassung um, oder sie verschwinden und kehren in anderem Gewand zurück.
Bei Manfred G. ist mittlerweile Stufe zwei des Abzock-Verfahrens eingetreten - die Mahnung, samt Mahngebühr von weiteren drei Euro. Nun wartet er auf das Schreiben eines Inkasso-Büros.

