Von Christopher Scholz
KLANGINSTALLATION Künstlerin Miriam Kilali wirbt mit ihrer Arbeit in Antoniuskapelle um Dialog der Kulturen
Unweigerlich reckten sich die Köpfe, gingen die Blicke nach oben, verdutzt, neugierig, verwundert. Die St. Antoniuskapelle ist eigentlich aus technischen Gründen schon seit langem stumm, gestern um 10, 14 und 17 Uhr erscholl dort jedoch nicht nur Glockengeläut, sondern, im Wechsel, auch noch das Rufen eines Muezzins. Und die Reaktionen der Passanten vor der Römerpassage waren mehr als unterschiedlich: Neben interessiertem Erstaunen erregte es auch spontan Unmut: "Sind wir hier in Mekka?" rief ein Mann sichtlich empört.
Was da, unsichtbar im Turm verborgen, zu hören war und heute zu denselben Zeiten wiederholt wird, ist eine Klanginstallation mit dem Namen "On Air" der Berliner Künstlerin Miriam Kilali: So wie die Stimme des Muezzin und das christliche Kirchengeläut gleichermaßen die Gläubigen zum Gebet in die jeweiligen Gotteshäuser rufen, so will die Aktion zu einem Dialog der Kulturen und Religionen aufrufen. Entsprechend arbeitet die Konzeptkünstlerin nicht isoliert, sondern zusammen mit dem Bistum Mainz und dem Arab Nil-Rhein-Verein.
In von "negativer Stimmungsmache" dominierten Zeiten will Kilali "ein positives Zeichen setzen", für Respekt und Verständnis zwischen Muslimen und Christen werben. Es sei kein Ruf nach Minaretten für Deutschland, erklärt Samy El Hagrasy, Vorsitzender des Arab Nil-Rhein-Vereins, sondern ein Symbol, eine Bitte, das Gespräch zu suchen. Mit Stimmungsmache habe man in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht, sagt der Pfarrer und katholische Cityseelsorger Michael Baunacke. "Niedrigen Instinkten" und einer "Vergiftung der Atmosphäre" werde am besten entgegengewirkt, indem man diffuse Ängste und Vorurteile abbaue: Wissen statt Ignoranz.
Miriam Kilali beschäftigt sich in ihrer Kunst häufig mit gesellschaftspolitischen Themen. Vor zwei Jahren sorgte sie in Berlin für Aufsehen, als sie ein trostloses Obdachlosenheim künstlerisch komplett neu gestaltete und aufwertete. Gleiches hatte sie zuvor schon in Moskau umgesetzt, in Planung ist ein solches Projekt für New York. Aktuell nun aber "On Air" in Mainz: Es liegt etwas "in der Luft", von Klängen getragen die Idee eines Dialogs, der es nicht leicht hat im Spannungsfeld von Unwissenheit, Kopftuchstreit und pauschalen Terrorismusverdacht.

