Ansturm auf neue Mainzer Synagoge - 10.000 Besucher - Architekt gibt Autogramme
07.09.2010 - MAINZ
Von Nicole Weisheit-Zenz
Rund 10.000 Besucher in der Mainzer Neustadt, mit solch einer Resonanz hatte niemand gerechnet beim Tag der offenen Tür in der neuen Synagoge. Bis zu zwei Stunden Wartezeit mussten Besucher in Kauf nehmen, stundenlang reichten die Schlangen quer über den Synagogenplatz.
Schon im Eingangsbereich lockten Gesänge des Chors „Chorale Juive de France“ in den Gebetsraum. Bei Liedern mit Shalom-Wünschen wippten viele mit den Füßen im Takt. Auch Erika und Werner Goth, die zu den ersten Gästen zählten, waren sichtlich beeindruckt vom Klang der Männerstimmen, der den gesamten Saal erfüllte. „Diese Lieder kommen wirklich aus tiefster Seele und sind so mitreißend“, schwärmte die Mainzerin, während sie Kantor Raphael Cohen lauschte. Ihr Mann hielt viele Eindrücke mit der Kamera fest und war begeistert von den warmen Goldtönen. „Dadurch wirkt der Raum angenehm warm und vermittelt Geborgenheit”, meinte er. Gerade weil die beiden bislang noch kaum Berührungspunkte mit dem jüdischen Glauben hatten, schätzten sie es sehr, nun vieles aus erster Hand zu erfahren.
Aspekte der jüdischen Identität kennenlernen
Mitglieder der jüdischen Gemeinde freuten sich über das enorme Interesse, verteilten Hefte zur Geschichte des Synagogenzentrums und beantworteten Nachfragen. „Die Mainzer betrachten das Gebäude als ihr eigenes“, sagte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich. Und das sei auch gut so.
Die jüngsten Besucher griffen zu Trommeln und Rasseln, als ein fröhliches Monatslied zur Einstimmung auf das jüdische Neujahrsfest Rosch-Haschana gesungen wurde, das bald gefeiert wird. Jakob Heilbronner, der ursprünglich aus Israel kommt, stimmte mit ein. Er freut sich, dass der Bau der Synagoge auf ein positives Echo gestoßen ist. „Diese Offenheit zeigt, dass die Menschen rund um den Globus miteinander verbunden sind und dass es auf ein gutes Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen ankommt.”
Rundgänge durchs Haus luden dazu ein, Aspekte der jüdischen Identität näher kennenzulernen. Dr. Peter Waldmann vom Gemeindevorstand warf einen Blick auf Geschichte und Traditionen. „Eine wichtige Bedeutung der Schrift ist, das Judentum sinnlich erfahrbar zu machen”, erklärte er. Viel Symbolik sei auch im Farbenspiel an der Fassade zu erkennen, die je nach Lichteinfall Schattierungen von grün bis schwarz zeigt. Dies sei verbunden mit den stetigen Veränderungen im Judentum.
Offen für eine friedliche gemeinsame Zukunft
„Ich wünsche mir, dass sich die Menschen gegenseitig noch besser verstehen lernen”, sagte Besucherin Brigitte Fleck, als sie die steile Treppe nach oben ging, die zu den Emporen führt. Sie selbst möchte gerne zu Lesungen oder Vorträgen wiederkommen und hat sich ein Veranstaltungsprogramm mitgenommen. Auch ihre Bekannte Renate Reuber geriet beim Gedanken an das lebendige kulturelle Leben ins Schwärmen. „Am Freitag habe ich mir die Prozession mit den Thorarollen angeschaut”, sagte sie und ließ den Blick vom Fenster aus über den Vorplatz schweifen. „Es war so faszinierend, wie die Menschen zu den Klarinettenklängen auf der Straße getanzt haben.”

