Zeitungmachen „unter Geiern“
23.07.2010 - MAINZ
Von Frank Schmidt-Wyk
SERIE Als die Stadt in Trümmern lag, legten hochmotivierte Männer den Grundstein für eine neue Mainzer Tagespresse
Und nun ein Beitrag in eigener Sache: Die Entwicklung der Allgemeinen Zeitung von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis heute zeichnet unsere neue Serie „Geschichte der AZ“ nach.
Es war eine Zeit, die täglich dramatische Schlagzeilen produziert hätte, doch in Mainz war in den ersten Wochen nach Kriegsende ans Zeitungmachen nicht zu denken. Der Bombenangriff am 27. Februar 1945 hatte von der Innenstadt nicht viel übrig gelassen, vom Gebäudekomplex des Verlags an der Großen Bleiche stand nur noch ein schmales Mittelstück an der Margaretengasse, der Rest des Grundstücks war eine Ruinenlandschaft. Die letzte Ausgabe des „Mainzer Anzeigers“ erschien am 19. März, zwei Tage vor dem Einmarsch der US-Truppen - die Mainzer weinten dem Blatt keine Träne nach: 1934 war es zwangsweise Parteiorgan der NSDAP geworden, hatte danach nur noch den Namen gemein mit der 1850 gegründeten Mainzer Traditionszeitung und drosch bis zuletzt leere Propagandaphrasen. Überdies hatten die Menschen ganz andere Sorgen.
Die französische Besatzungsmacht war zwar grundsätzlich nicht abgeneigt, eine Mainzer Tagespresse zuzulassen, doch sah sie die Rahmenbedingungen dafür äußerst skeptisch. Kurz nachdem sie im Juli in der Stadt das Kommando von den Amerikanern übernommen hatten, ließen die Franzosen durch einen Sachverständigen die örtlichen Voraussetzungen für die Gründung einer Zeitung untersuchen, mit niederschmetterndem Ergebnis: „Die Stadt sei eine Stätte der Verwesung, in der man höchstens den Geiern während ihrer Verdauungsphase ein Blatt zur Verfügung stellen könne“ - so gab ein Zeitzeuge später das Ergebnis des Gutachtens in freien Worten wieder.
Neuanfang in liberaler Tradition
Und doch rührte sich etwas in den Trümmern. Am 1. Mai 1945 erhielt der in Wiesbaden wohnende Adolf Fraund einen Passierschein, nun konnte er die Reste seines Betriebs an der Großen Bleiche in Augenschein nehmen. Als Verlagsdirektor hatte er die Mainzer Verlagsanstalt und Druckerei Will & Rothe KG (MVA) durch den Krieg geführt, die seit 1934 nur noch den Druckauftrag für den Mainzer Anzeiger innehatte. Ende 1944 ließ Fraund eine Notdruckerei im Keller des Betriebsgebäudes einrichten, um wenigstens einen Teil des Inventars vor Bombenschäden zu bewahren. Mit dem erhalten gebliebenen kleinen Maschinenpark hoffte Fraund, einen Neuanfang in der liberalen Tradition des „Mainzer Anzeigers“ zu schaffen. Jeden Morgen strampelte der 47-Jährige mit dem Fahrrad über die Behelfsbrücke nach Mainz, um mit etwa 20 Männern den Schutt auf dem Verlagsgelände beiseitezuräumen - es war der verbliebene harte Kern von ehedem rund 250 Verlagsmitarbeitern.
Wie sich herausstellte, war allerdings die Rotationsmaschine, damals eine der größten in Deutschland, arg ramponiert - den sperrigen Koloss hatte Fraund nicht in den Keller verlegen können, sodass er der Feuersbrunst am 27. Februar schutzlos ausgeliefert war. Wertvolle Verbündete fand Fraund in den Brüdern Willi und Dr. Ludwig Strecker, den Leitern des Musikverlags B. Schott’s Söhne: Im August 1945 beteiligte sich Schott mit zunächst 250 000 Reichsmark an der MVA und wurde damit größter Teilhaber.

