Die Nacht der großen Gefühle
03.04.2010 - MAINZ
Von Frank Schmidt-Wyk
NACHTWANDERUNG Mit einer katholischen Männergruppe unterwegs von Gonsenheim zum Kloster Jakobsberg
Eine Sternschnuppe als Startsignal für christliche Nachtwanderer? Das wäre zu schön, um wahr zu sein - ist es aber. Die 44 Männer sind noch keinen Kilometer gelaufen, es geht durch die Kapellenstraße auf den Gonsenheimer Wald zu, am sternklaren Himmel funkelt rechts vorne im Norden Cassiopeia, das "Himmels-W", ganz links, tief im Süden, neigt sich der Jäger Orion über den Horizont, da zischt eine glühender Schweif über den fernen Rheingau. Nur für den Bruchteil einer Sekunde war es zu sehen, niemand sonst scheint es bemerkt zu haben. Oder war es doch ein flinkes Flugzeug?
"Ein Schritt zu Gott"
"Öffne unsere Augen, Ohren und Herzen für unsere Umgebung und den Zauber dieser Nacht" hatte Stephan Weidner, Referent im Bischöflichen Ordinariat, den 44 Wanderern beim Start am Gonsenheimer Pfarrheim gegen 22.45 Uhr in seinem Segensspruch mit auf den Weg gegeben. Allerdings hat Weidner mehr im Sinn als die Wunder der Natur. Das religiöse Erlebnis soll die Gruppe durch die Nacht den Rhein entlang und dann hinauf zum Kloster Jakobsberg bei Ockenheim tragen: "Herr, lass diesen Weg einen kleinen Schritt auf dem großen Weg zu Dir sein." Kleiner Schritt? Nun ja, es sind 30 Kilometer.
Die Nachtwanderung ist nicht etwa ein Nachempfinden des Kreuzwegs Jesu, sondern eine Interpretation der Nacht vor der Kreuzigung, als Jesus Todesangst durchlebt. Anstatt ihm beizustehen, verschlafen die Jünger diesen Moment. Viele Kirchen bleiben deshalb von Gründonnerstag auf Karfreitag offen und so entstand auch vor sechs Jahren die Idee, im Bistum Mainz Nachtwanderungen für Männer anzubieten.
An den sechs Stationen bis zum Kloster lesen Weidner und Peter Becker, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gemeinde St. Stephan, passende Stellen aus dem Lukas-Evangelium vor. Die Wanderer stehen andächtig im Kreis und legen in ihrer Mitte ein Kreuz aus Kieselsteinen auf den Boden - jeder hat in Gonsenheim sechs Stück mit auf den Weg bekommen; an jeder Station wird der Rucksack ein kleines bisschen leichter und genau so soll unterwegs Stück für Stück auch Ballast abgelegt werden, der auf der Seele lastet.
Männer unter sich
Die zweite Etappe von der Wendelinuskapelle im Gonsenheimer Wald hinunter ans Rheinufer wird schweigend zurückgelegt. Schritte knirschen im Kies, Wanderstöcke klackern, Rucksackschnallen klimpern gegen Thermoskannen, in Budenheims Straßen rattern die Rollläden - die Nacht nimmt ihren eigenen Rhythmus an. Eine Frau ist zu später Stunde mit ihrem Hund draußen, irritiert betrachtet sie die stumm vorbei marschierende Männergruppe.
Ja, warum sind eigentlich nur Männer dabei? Einige Teilnehmer kennen sich aus der Männerseelsorge des Bistums, einige kommen auch aus der Gonsenheimer Gemeinde. Einer erklärt es so: "Nur wenn Männer unter sich sind, können sie sich Gefühlen hingeben und offen darüber reden, was sie wirklich beschäftigt." Da ist wohl was dran. "Sucht euch einen Weggefährten, den ihr nicht kennt, und vertraut euch ihm an", lautet die Aufgabe für die nächste Etappe - es dauert nicht lange, bis die Gruppe in lebhafte Gespräche gehüllt ist. Von Frau und Kind ist die Rede, vom Job natürlich, Zweifel, Ängste, aber auch Stolz und Freude werden offen artikuliert.

