Von Nicole Weisheit-Zenz
JUDENVERNICHTUNG Lesung und Ausstellung in der IGS Anna Seghers
"Es war, als würde ein Stück aus dem Herzen gerissen", beschreibt Renata Schwarz die bittere Erfahrung, wie viele ihrer Freundinnen abtransportiert wurden. Zur Zeit des NS-Regimes wohnte sie mit ihrer Familie in Mainz und zählte zu den Überlebenden des Holocaust. Als Kind musste sie mit ansehen, wie Schule und Synagoge in Flammen aufgingen, wie die Wohnung der Eltern verwüstet wurde. Außerdem schildert sie in ihrem Buch, wie jüdische Mitmenschen ausgegrenzt, wie Kriminelle behandelt und schließlich deportiert wurden. Als Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse diese und andere Zeitzeugenberichte vortrugen, herrschte Ruhe und Betroffenheit in der Bibliothek der Integrierten Gesamtschule Anna Seghers. Zur Eröffnung der Ausstellung "Verfolgte Mainzer Kinder" wurden auch Passagen aus Büchern von Anne Frank, Ruth Klüger oder Gert Koppel gelesen. Die Texte zeigen, unter welchen Umständen Kinder und Jugendliche zur Zeit des Hitler-Faschismus leben und auch sterben mussten und dass sie häufig auf sich selbst gestellt waren. So musste sich auch Eva Schmalenbach aus Mainz alleine durchschlagen - von ihrer großen Familie hatte kaum jemand überlebt. Straßen- und Gebäudenamen, die genannt wurden, hatten manche junge Leute schon einmal gehört und konnten sich dadurch noch besser in die damalige Situation hineindenken. Besonders berührt waren einige vom beengten und sozial isolierten Leben der jüdischen Kinder - "dagegen haben wir heute viel Freiheit", meinte ein Mädchen.
Die Schüler zum Nachdenken anzuregen, ist ein Anliegen von Projektleiterin Christina Schreiber: "Es ist so wichtig, die Erinnerung an die damalige Zeit zu bewahren", betonte sie. Im Ethikunterricht hatte sie die ausgewählten Werke behandelt und trug selbst Zeilen von Anna Seghers vor, die dem Holocaust nur "um Haaresbreite" entrinnen konnte. Gerade für Kinder seien die schlimmen Erfahrungen wie unsichtbare Wunden, hatte die Namensgeberin der Schule geschrieben.
Im Foyer ist noch bis Mitte Februar eine kleine Ausstellung mit Plakaten aus dem "Zug der Erinnerung" zu sehen. Beschrieben wird das Schicksal von Mainzer Kindern und Jugendlichen aus jüdischen und Sinti-Familien, die zwischen 1940 und 1943 deportiert und ermordet wurden. Stellvertretend für über 120 Opfer werden sieben Kinder mit Foto und Kurzbiographie vorgestellt - sie waren damals so alt wie die Schüler heute.

