Von Michael Jacobs
EISENBAHN-ENTHUSIAST Verleger Horst-Werner Dumjahn bleibt auch mit 75 seiner Liebe zu Loks treu
Seine Leidenschaft steht ihm auf den Leib geschrieben: Eine fauchende Dampflok, schwarz eingestickt im beigen Polo-Shirt, darüber rattert der Schriftzug "Dumjahn". Obwohl Horst-Werner Dumjahn seit närrischen "fünf mal elf Jahren" fest in Mainz verankert ist, wird der Espresso-Treff doch nur eine Stippvisite. Am Schloss-Kai hat der Vierflüsse-Dampfer festgemacht, da muss er gleich wieder hin, wenn´s weiter Richtung Mosel geht. Am Freitag will der Bahn-Enthusiast seinen 75. Geburtstag ausnahmsweise an Deck eines Schiffes feiern - beim Captains-Dinner zwischen Cochem und Trier.
Doch das Gespinst der Schienen umkreist Dumjahns ganzes Leben. Als Sohn eines Eisenbahners in Danzig geboren lebt die Familie bis zum Kriegsausbruch in Mannheim, dann wird der Vater wieder nach Danzig beordert. In einer dramatischen Flucht über die Ostsee auf einem Schiff der Handelsmarine entkommen die Dumjahns 1945 dem von den Russen eingekreisten Danziger Kessel. 1954 wird Mainz zur Wahlheimat des gelernten Mechanikers, den es nach neun Jahren Bundeswehr magisch in den Dunstkreis der Stahlrösser zieht: " Es war die Faszination der Bewegung, der Kraft, die in einer Dampflok steckt, aber auch die Eisenbahn als Idee, als Institution", sagt Dumjahn: "Mit dem Spruch `Pünktlich wie die Eisenbahn` bin ich groß geworden". 1965 fängt er im gehobenen Dienst bei der Bahn an, arbeitet erst in Mainz, dann in Frankfurt, wo er Führungskräfte als DB-Verkaufstrainer auf neue Service-Gedanken bringt.
Doch die Liebe zur Lok koppelt sich bald an die zur Bahn-Literatur. "Ich stöberte als Kind schon immer lieber in alten Kursbüchern, als mit einer Miniaturbahn zu spielen", erzählt Dumjahn. Aus dem Faible für die Eisenbahn und ihre Geschichte erwächst 1974 der in seinem Bretzenheimer Domizil beheimatete Dumjahn-Verlag, der sich in die Stränge Versandbuchhandlung und Antiquariat aufsplittet. "Wir führen alles außer `Gummibahn` - womit ein von Zügen Verzauberter den Bahnbus meint - von Büchern über die Tram bis zum Orientexpress", sagt der Ein-Mann-Verleger, der seit 35 Jahren bei "Eisenbahn-Dumjahn" mit dem Anspruch größtmöglicher Professionalität und Akribie die Signale setzt. Die Kunden sind natürlich in erster Linie Bahn-Begeisterte. "Viele wollten als Kind Lokführer werden, konnten oder durften es aber nicht", meint Dumjahn. "Die frönen ihrer Passion dann eben mit Kursbüchern." Ein Werk liegt ihm ganz besonders am Herzen, das Buch "Sonderzüge nach Auschwitz", basierend auf einem Manuskript des Holocaust-Forschers Raul Hilberg, der mit der Dokumentation "Die Vernichtung der europäischen Juden" das Standardwerk zur Shoah schuf. Angereichert mit 76 faksimilierten Dokumenten bringt Dumjahn das Buch 1981 heraus - damals ein Wagnis, wie er sagt. Denn "es wurde von einem Eisenbahner gemacht - und es gab zu meiner Zeit viele noch aktive Bahner, die im Osten dabei waren, von den Deportationen wussten und auf den Gehaltslisten der Bahn standen". Bis zur 5000er Marke kletterte die Auflage, und der Verleger ist stolz darauf, dass die couragierte Publikation heute in nahezu jedem Band über das Dritte Reich zitiert wird.
Bei all der bibliophilen Bahn-Betriebsamkeit - Dumjahn hat unter anderem 17 Jahrbücher für Eisenbahnliteratur herausgegeben und ist seit zehn Jahren mit seinem Verlag online (www.dumjahn.de) - kommt die Schönheit der Schienenstränge nicht zu kurz. Er habe die meisten Bahnstrecken Europas befahren, erzählt der Unruheständler, von der Schmalspurbahn über den Peloponnes bis zum Sued-Express "Paris - Lissabon".
Keine Frage, dass da auch die Hochzeitsreise von Mainz nach Lugano überm Schotterbett abrollte - natürlich mit passender Kartensymbolik: Eine Weiche lenkt zwei Schienen auf ein Gleis zügig in den Bahnhof der Ehe.
Seit dem famosen Wiederaufstieg der 05er kollidiert Horst-Werner Dumjahns Hingabe für Lokomotiven allerdings mit seinem Hang für die Bruchweg-Kicker. Im Juni ist er Vereinsmitglied geworden, und wenn das Stadion fertig ist, gibt´s eine Dauerkarte. "Und wenn dann noch die Straßenbahn bis zur neuen Coface-Arena fährt - das wäre mein Wunschtraum."

