Von Andreas Schermer
Das rote Lodern leuchtet zum letzten Mal auf. Dafür aber heißer als je zuvor. Mick Hucknall will sich im kommenden Jahr seiner Band-Seilschaft Simply Red entledigen. Um zum Abschied noch einmal die Fans einen ganzen Abend lang mit Hits zu versorgen, braucht der Engländer gar nicht tief im 25 jährigen Repertoire zu suchen. Selbst bei den verhaltenen Eröffnungsstücken „It’s only love“ und „A new flame“, ist auf dem Areal der Zitadelle sofort die Begeisterung des Publikums zu spüren.
Hucknall beschränkt sich in der Ausdrucksmöglichkeit seiner prägnanten Stimme auf den unbemerkten Wechsel vom Brustregister ins Falsett und wieder zurück. „Glatt und weichgespült“, unterstellen ihm dafür gerne die Missgönner. Wer jedoch drauf anspricht, wurde zu keinem Zeitpunkt der Simply Red-Karriere enttäuscht. Kontrastiert werden die vornehmlich als Schmuse-Soul angelegten Kompositionen durch variierende Rhythmuscharakteristik, etwa im Schlafzimmer-Reggae „Night Nurse“.
Die Umschwung-Ambition seines Images steht im Zeichen der Eleganz. Man sieht Hucknall nur noch im feinen Designer-Anzug, wie er zunehmend in die Rolle des Conferenciers wächst mit den erhabenen Gesten, den Umgang mit dem langen Mikrofonkabel als Ausdrucksmittel einsetzend wie Frank Sinatra. Oder in Elvis Presley-Manier, wenn er sich zu „Oh, what a girl“ die Akustik-Gitarre hinterrücks um den Hals hängt – mehr zu dekorativen Show-Zwecken als zum musikalischen akzentuieren.
Doch die britische Kühle, die bei allem Wohlwollen recht verhaltenen Kreativ-Impulse und fehlende Interaktion halten eine feste Distanz bis zum absoluten Gipfel der ganz Großen. Aber immerhin: so weit es die politische Korrektheit erlaubt, kann Hucknall für einen angedeuteten Hüftschwung so manches verschmitze Grinsen seiner weiblichen Fans einfahren (und dem einen oder anderen männlichen Schwärmer).
Für Ansagen und Kommentare wird kaum Zeit vergeudet. Schon schickt er dem Publikum das Samba-Fieber von „Fairground“ in die Gliedmaßen. Zu “Holding back the years” wächst der schmachtende Publikumschor. Mit seiner Musik kann er vielen Menschen Erinnerungen konservieren, doch Hucknall selbst kann weder die Jahre zurückhalten, noch kann er sie verleugnen, denn sie wirken als tiefe Furchen wie die Rinde eines gereiften Baumes im Gesicht des 48jährigen mit der Vogelnest-Frisur.
Ein schöner, ausgewogener Sound fasziniert durch die Erkennbarkeit der vielen subtilen Zwischentöne der ansonsten eher simplen Arrangements. Die Songdramaturgie wird zunehmend wuchtiger und steigert sich zur Zugabe „Stars“ und ihrem ersten Hit „Money’s too tight to mention“ und schließlich der krönenden Harold Melvin and the Blue Notes-Romanze „If you don´t know me by now” – die man noch manchen Fan singen hört, als die Ordner schon mit dem Absperrband den Platz leer kämmen und der Gabelstapler die Bühnenbauten abtransportiert.
Dies war also der letzte Auftritt der Band in Deutschland, bevor im nächsten Jahr endgültig der letzte Vorhang für Hucknalls Truppe unter dem Bandnamen Simply Red fallen soll.
Mit den Bläsern Kevin Robinson und Ian Kirkham, Gitarrist Kenji Suzuki Keyboarder Dave Clayton und der Rhythmusabteilung mit Schlagzueger Pete Lewinson und Bassist Steve Lewinson hat sich das Ensemble seit vielen Jahren in treuer Besetzung eingespielt. Darum erschließen sich den wenigsten die Beweggründe für den betonten Alleingang des Rotzottels. Doch so muss trotz offiziellem „Abschied“ kein Wehmut aufkommen, denn die Fans haben die Zuversicht, dass Hucknall mit seiner markanten Stimme ihren persönlichen Soundtrack zu amourösen Erinnerungen nicht nur weiterleben lassen, sondern ihn noch erweitern will.

