Von Michael Jacobs
VAT-VERLAG Mit einem Qualitäts-Sortiment an Belletristik und Sachbüchern will André Thiele zu den Großen der Branche aufschließen
Auch wenn die Hausnummer Hafenstraße 17 1/10 ein bisschen an die Plattform 9 3/4 von Harry Potters magischem Hogwarts-Express erinnert - mit irrationaler Phantastik á la Joanne Rowling hat der Verlag André Thiele (VAT) am allerwenigsten im Sinn. "Ich bin eher ein Kopf-Typ", sagt Thiele, dessen Verlags-Philosophie ehern auf klassischen Fundamenten fußt: "Rationalität, Klarheit, humanistische Haltung, Charakter". Geburtshelfer seines ambitionierten Bücher-Unternehmens ist denn auch ein Klassiker des Sozialismus, der 2003 verstorbene Dramatiker, Lyriker, Erzähler und Essayist Peter Hacks. Die Lektüre der Schriften des einstigen DDR-Großliteraten und ästhetischen Querdenkers sei für ihn ein Erweckungserlebnis gewesen, erzählt der gelernte Jurist. "Das hatte ein ganz außergewöhnliches Gewicht". Als Spielerei habe er 2003 anlässlich von Hacks 75. Geburtstag ein paar Texte des Ost-Autors auf seine eigene Homepage gestellt, die sich 2005 zur Peter Hacks-Seite auswuchs. Ziel sei es gewesen, den "kommunistisch einbalsamierten" Autor offen und rational zu diskutieren. Aus dem Debattierforum entwickelt sich dann das der Hacks-Rezeption gewidmete Journal" "Argos" - die Premiere-Publikation des 2007 gegründeten VAT-Verlags, der 2008 der erste Gedichtband "Mein Onkel und die Katze" des jungen Autors Marco Tschirpke folgt.
Bis Ende des Jahres will Thiele, der selbst als scharfsinniger Essayist publiziert, 24 Titel im Sortiment haben. "Verlegt wird, was Charakter hat, auch wenn der Autor nicht meiner Meinung ist", sagt Thiehle, der seinen Verlag trotz der latenten Hacks-Haltigkeit keineswegs als "links" einstuft. Auch konservative Stimmen fänden Gehör, wenn sie denn Gehalt hätten. 20 bis 30 Manuskripte trudeln pro Monat ein und unterlaufen einer strengen Qualitätskontrolle, denn Thieles Anspruch ist hoch. Die von seinem Chefgestalter in Berlin künstlerisch aufgearbeiten Bücher richteten sich an eine Leserschaft, die an etwas "schwererer, nachhaltiger" Literatur interessiert sei.
Dabei wolle man durchaus unterhalten, wie etwa mit Mathias Ullmanns pfiffig gemachter Räuberpistole "Josephsmacher" - doch "reine Boulevardliteratur" komme nicht auf den Büchertisch. Während die anspruchsvollen Gedichte des ostdeutschen Lyrikers Werner Makowski derzeit im Hunderter-Auflagenbereich liegen, hat Thiele mit einem Werk über Heinrich Heines letzte Geliebte, das sich bereits 2000 mal verkaufte, sogar schon einen veritablen verlagsinternen Besteller gelandet. Zirka 30 Prozent der Bücher gehen über den Direktverkauf im Internet weg, 50 Prozent über Verlagsauslieferung an den Buchhandel, der Rest findet seine Kundschaft bei Lesungen, die Thiele ab September mit einer festen Rezitations-Reihe in der Galerie ka5 intensivieren will. Überhaupt drängt es den VAT-Visionär, der im Herbst eine Werkausgabe der Dramen Alfred Matusches sowie einen weiteren Ullmann-Roman nachlegt und auch auf der Frankfurter Buchmesse Flagge zeigt, möglichst zügig aus der Kleinverlags-Ecke heraus. Der Anspruch gehe schon in Richtung eines größeren Verlages, der mit einem charaktervollen Programm über die geistige Entwicklung des Landes mitbestimme, sagt André Thiele. Obwohl noch recht jung, habe sich das VAT-Segment bereits sehr schnell und nachdrücklich in der Branche profiliert.
Nur mit den Peter Hacks-Köpfen aus Kaltbronze hadert der ehrgeizige Jung-Verleger ein wenig. 99 Dichterhäupter habe er verkaufen wollen - am Ende waren es bloß 25. "Als Büste geht der einfach nicht".

