Von Michael Jacobs
Die hauchzarten Buchstabensegel, die über den Kojen der Papierkünstler schweben, zucken nur kurz, als ein brachialer Gewitterschauer wie aus Bleilettern gegossen auf die Zeltplanen donnert. Er perlt ab wie Applaus. Als ob ein geheimer Zauber über diesem Jahrmarkt der Büchernarren, Verlags-Überlebenskünstlern, eigensinnigen Selbermachern und begeisterten Bibliophilen liege. Die Mainzer Minipressenmesse ist auch in ihrer 20. Auflage ein zeitversunkenes Paralleluniversum geblieben, das die herrschenden Naturgesetze des Industriellen, Virtuellen und Kommerziellen sofort außer Kraft setzt, sobald man diesen wunderlichen Marktplatz betritt.
Mit bräunlicher Patina, bedruckt mit einer Illustration von Gertrude Degenhardt, räkelt sich Norbert Kubatzkis erster “Mini-Press-Report" aus dem Jahr 1969 in der Auslage des Berliner Kunstantiquariats Tode. Ein Jahr später, getragen vom Wind der 68er, rief Kubatzki die Mainzer Minipressenmesse ins Leben, man spielte Wolf Biermann, Raubdrucke machten die Runde. Doch das explizit Politische verflüchtigte sich schnell in der poetischen Aura dieses heiteren Karnevals der Typen, der die Messe mit ihren über 300 Beschickern bis heute geblieben ist und weiter Aussteller-Novizen anzieht.
Am Stand des jungen Mainzer Unfug-Verlags setzt Zeichner Mart Klein mit schnellem Strich Akt-Signaturen in seinen Hardcore-Comic “Rotkäppchen", acht Exemplare in zwei Stunden, ein guter Schnitt - auch wenn die Kundschaft hauptsächlich aus reiferen Herren besteht. Direkt nebenan, am Vorposten ihres frisch gegründeten Gonzo-Verlags streift sich Miriam Spies ein Trikot von “bookoobook" über, einer Internetplattform für Verlags- und Autorenvermittlung, an der sie ebenfalls beteiligt ist, ehe die Rastlose Richung City abtaucht: Das die Messe begleitende Mainzer Literaturfestival hat sie auch noch in Eigenregie organisiert.
Idealismus und kreativer Individualismus waren immer schon ein Minipressen-Gütesiegel, und so hüllt sich Hendrik Liersch von der Berliner Corvinus-Presse, dem der Mainzer Kulturdezernent Peter Krawietz zusammen mit der “Buchmacherey Heinrich Helserdeich" den diesjährigen V.O. Stomps-Preis verleiht, in selbstironische Siegesfreude. “Ich fühle mich ausgezeichnet", hat er sich aufs T-Shirt drucken lassen im Copy-Shop, weils schnell gehen musste.
Und die Krise? Sie macht auch vor Kleinverlagen nicht Halt. Man spüre sie vor allem bei wissenschaftlicher Literatur, sagt Michael Itschert vom Remscheider Gardez-Verlag, der viel Philosophie und Filmanalyse im Sortiment hat. “Den Stiftungen und Bibliotheken gehen die Sponsoren aus." Der Mainzer Kleinverleger André Thiele (VAT Verlag) sieht in finanzschwachen Zeiten aber auch eine Chance: “Die Leute interessieren sich jetzt mehr für gute, anspruchsvolle Literatur". Fraglich allerdings, ob da noch viele Kapazitäten für Thieles Maskottchen, funkelnde Peter Hacks-Büsten zum Messepreis für 249 Euro, bleiben. Doch das Merkantile spielt im Konzert der Blatt-Künstler nur die zweite Geige. “Das ist hier wie ein Klassentreffen der Szene", meint Michael Schönauer vom Stuttgarter Killroy media-Verlag, der Ende der Neunziger die Poetry Slam-Bewegung mitbergründete.
Keine Minipressenmesse ohne ihren Kuriositäten-Kosmos: Das “kleinste Buch der Welt", ein 3,5 Millimeter winziges “Vaterunser", wetteifert mit dem längsten Mini-Faltschmöker (17 Meter); das Kasseler No-Institut wirft Badelatschen aus Zeitungspapier auf den Skurrilitätenmarkt, wo sich schon Wurstmobile-Schnittbögen balgen, die komplette Besatzung der Arche Noah in eine Streichholzschachtel passt und “Staufischer Minnesang" mit “dem Jenseits auf Du und Du" steht.
Mitten im kaleidoskopischen Meer der Messe steht ihr Organisator und betreibt Ursachenforschung über den Minipressen-Sog: Ein Österreichischer Aussteller sei seit 16 Jahren dabei, erzählt Jürgen Kipp. Die Begründung des Wieners könnte plausibler nicht sein: “Hier sind 300 Verrückte. Und 100 kenne ich schon."

