Mal ein anderer Hut
06.05.2011 - MAINZ
FRANKFURTER HOF Paul Carrack glänzt als Multiinstrumentalist
(asche). Zur zarten Einstimmung gibt die 21-jährige Londoner Sängerin und Songschreiberin Lisbee Stainton eine halbe Stunde lang ihre Kompositionen zum Besten. Angenehm, technisch sauber gespielt, schrammelt sie nicht einfach nur Begleitakkorde sondern baut nette kleine Instrumental-Passagen in ihren Erzählungen ein.
Paul Carrack reißt schließlich nach drei unbekannteren Stücken mit „Another Cup of Coffee“ die Fans im Frankfurter Hof begeistert klatschend aus den Sitzen. Anschließend bemerkt er mit gespielter Überraschung: „Oh - ihr kennt den Song?“ Natürlich zitiert er viel aus seinem neuesten Werk „A different Hat“. Der britische Sänger, der nur mit charakteristischer Kopfbedeckung bekannt ist, hat sich dabei musikalisch einen anderen Hut aufgesetzt, weil das Album mit dem Royal Philharmonic Orchestra eingespielt wurde. In seiner humorvollen Art beteuert er: „Das Orchester kann leider nicht hier sein heute Abend. Es lässt sich entschuldigen.“
Leider liefert die Ersatzband eine musikalische Leistung, die man in dieser Liga schon inspirierter erlebt hat. Dafür glänzt Carrack umso mehr als Multiinstrumentalist an Gitarre, Orgel, Keyboard und selbst ein minimalistisches Instrument wie die Melodica spielt er in einer Weise, die beeindruckt. Er singt so mühelos gefühlvoll in höchsten Lagen und überrascht bei Ansagen mit tiefer Sprechstimme.
Paul Carrack ist so einer, dessen Stimme man kennt und dessen Hits man mitpfeift, wenn man Stücke wie „Silent Running“ der Band Mike and the Mechanics von Genesis-Gitarrist Mike Rutherford im Radio hört. Aber man verbindet keinen Namen und kein Gesicht damit. Zwar ist dies bisweilen auch umgekehrt - wer erinnert sich heute bei der Textzeile „How long has this been going on“ noch an den Namen der Band Ace? Doch dass Carracks Popularität immer im Schatten seiner namhaften Chefs wie Elton John, Roger Waters oder den Eagles blieb, liegt gewiss auch am geringen Wiedererkennungswert seiner eigenen Musik. Diese Melange aus Blues, Soul und ein bisschen Country zeugt zwar von grundsolidem Handwerk, doch charakterlich ist eine fast schon störende Nähe zu Simply Red.
In hymnischer Pracht erstrahlt „Living years“ in vollem Satzgesang, wo die Band über ihre solide Mittelklasse hinausragt. So unterhält der 60-jährige Engländer auf hohem Niveau in fast schon tragischer Weise mit Songs anderer Künstler, die durch sein maßgebliches Mitwirken zu Hits geworden sind. So lange er allerdings soviel spürbaren Spaß dabei hat, kann er getrost darauf pfeifen. Und das macht er auch abschließend in dem Stück „Over my Shoulder“.

