Anonymer Antiheld
26.02.2011 - MAINZ
Von Andreas Schermer
TIC Philipp Hochmair spielt Kafkas „Der Prozess“/ Gekonntes einstündiges Nervenaufreiben
Philipp Hochmair spielt den Josef K. nach Franz Kafkas Romanvorlage „Der Prozess“ in einer Bearbeitung für das Theater von Regisseurin Andrea Gerk. Die Kerngeschichte ist mit dem ersten Satz des Romans erzählt: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Kein Kläger, keine Begründung, keine Verhandlung. Das einzige, was zunehmend klarer wird, ist die Sinnlosigkeit von Argumentationsversuchen.
Hochmair spielt die Geschichte als feine Schizophrenie, in der Erzähler und Protagonist nur noch durch den Satzbau voneinander zu unterscheiden sind. Im zyklischen Wandel liest er zunächst in der disziplinierten Manier der Nachrichtensprecher vergangener Tage vom Blatt. Im langwierigen Verhör lockert er den Krawattenknoten, entledigt sich seines Jackets, greift bald hemdsärmlig zur Zigarette und schließlich zur Schnapsflasche, bis er mit Zähneputzen zu seiner alten Fassung zurückfindet. Spartanisch, nostalgisch, setzt sich das Bühnenbild im TiC zusammen aus einem kargen, schwarzen Schreibtisch mit Tischmikrofon, Leselampe, einem Aschenbecher und ein Glas Wasser - als Schnaps deklariert.
Im Zeitalter der Beamer und Bildschirmpräsentationen verzichtet das Stück unter Gerks Regie bewusst auf digitale Animationstechnik. Neben dem Tisch schnauft ein klassischer Diaprojektor, dessen aufwändige Mechanik mit einem geräuschintensiven „Ritsch-Ratsch“ das nächste Bild in den Schacht vor dem Projektionsstrahl bugsiert. Passend zum schmucklosen Ambiente zeigen die Motive nüchterne Räume, Fotos von Plattenbauten und Gruppenbilder einer Mode aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.
Kafkas durchaus vorhandener, feinzügiger Humor wird durch die ambivalente Wirkung der Lichtbilder bekräftigt. Sie zeigen Erinnerungen an eine eben noch aktuell gewesene Spießbürger-Epoche, die im Vergilbungs-Stadium noch einmal beschmunzelt werden darf, bevor sie sich im Vergessen auflöst. In der geistigen Starre einer norm-konformen Gesellschaft laufen die Versuche von Kafkas anonymem Antihelden, den Irrsinn seiner Situation zu hinterfragen, ins Leere. Zudem wird der Monolog immer wieder von rhythmischen Störgeräuschen hinterlegt, die so unberechenbar eintreten wie die unkontrollierten Richtungswechsel des Handlungsstrangs.
Später wird der Text von einer Stimme aus dem Lautsprecher weitergesprochen. Dann erzeugt Hochmair stumm den Lärm, indem er mit einer Glasmurmel auf der Rückseite einer Keramik-Kachel kratzt. Ein widerliches Geräusch, das kein Mensch hören möchte. Aber Hochmair bleibt gnadenlos beharrlich wie die unsichtbaren Denunzianten von Josef K. Ein gekonnt inszeniertes, einstündiges Nervenaufreiben bis zur determinierten Hinrichtung.

