Spitzbub aus der Gosse
19.02.2011 - MAINZ
Von Andreas Schermer
FRANKFURTER HOF Lydie Auvray verleiht Akkordeonmusik höchstmögliche Würde
Die französische Akkordeonistin Lydie Auvray weiß, „manche hören lieber Flöte“. Sie weiß, dass ihre „Quetschkomode“ polarisiert, und sie weiß ebenso ihr eigentümliches Handzuginstrument zu rechtfertigen. Sie liebt es und schätzt seinen Charme: Es ist ihr „Klavier der Armen“, das Chamäleon der Gefühlsausdrücke, ein Spitzbub aus der Gosse, in seinem Klang einzigartig, echt und unverfälscht. Mit dieser Einstellung verleiht Lydie Auvray der Akkordeonmusik die höchstmögliche Würde, ohne sie in das Korsett der hochkultivierten Klassik- oder Jazzmusik zu zwängen. Sie lässt ihr stets die charakteristische Volkstümlichkeit, in der sich das Ausdrucksvokabular auf munter plappernde Triolenläufe des Diskants zu schleifenden Basstönen der linken Hand und schwülstigen Lautstärkeanhebungen konzentriert.
Wenn sie spielt, schüttelt sie ungläubig den Kopf, ihre Augen und Lippen bewegen sich tonlos, ihre Mimik verrät die Geschichte, die ihre tippelnden Finger auf der Tastatur ihres weiß marmorierten Glitzerkastens erzählen.
Sie zitiert auch ein paar Stücke aus ihrem einzigen Solo-Album „Pure“. Doch auch der Minimalismus der kleinen Trio-Besetzung, manchmal auch nur als Duo mit Gitarrist und Bassist Markus Tiedemann oder mit ihrem „Pianeur“ Eckes Malz, ist ein Novum in der Dramaturgie ihrer Karriere.
In hervorragendem Deutsch, mit feinem französischen Akzent, lenkt sie die Phantasie des Zuhörers durch die impressionistischen Folgen ihrer größtenteils rein instrumentalen Musik. Manchmal wird sie von diesen Phantasien selber in die Klänge fremder Kulturen geführt. Sie gesteht, dass die Suggestion ihrer Musiker für ein orientalisch anmutendes Stück nicht gerade originell, doch passend sei: „Kuskus“. Eine griechisch anmutende Komposition bekommt vorsichtshalber mit „Poseidon“ einen ebenso klischeehaften Titel wie ihr urtypisch französischer Musettewalzer „El Cidre“. Häufig sind die Titel Ausdruck französischen Humors. So der Tango „Choco Flanel“. Ein Stück hat sie ihrer Freundin Elke Heidenreich gewidmet und darum heißt es „Für Else“. Manchmal singt sie auch, etwa ihren „Chanson d’amour“.
Songs anderer Künstler auf ihrem Knopfakkordeon nachzuspielen liegt ihr nicht. Doch es gibt eine Ausnahme: „Ich bedaure sehr, dass es nicht von mir ist, aber ich bin sicher, Serge Gainsbourg hätte das Stück „Accordéon“ für mich geschrieben.“ So singt sie hingebungsvoll zusammen mit ihren beiden pfälzischen Begleitmusikern das berühmte Chanson.

