„Mangas“ im Bürgerhaus
26.10.2010 - KASTEL
Von Alexander Weiss
TREFFEN Japanische Comic-Kultur lockt 600 Gäste nach Kastel
Verwundert schauten einige Anwohner der Zehnhofstraße aus ihren Fenstern, als schrill verkleidete Menschen mit bunten Haaren auf dem Weg zum Bürgerhaus waren. „Geht ihr zum Maskenball?“, fragt eine Passantin vier junge Leute, die in ihren bunten Kostümen an ihr vorbeilaufen. „Nein“, antwortet einer von ihnen, während sich seine drei Freunde über die Verwunderung der Dame amüsieren. „Heute geht’s zur Wi.Mai. Kai“, sagt er, schwingt eine anderthalb Meter lange Schaumstoffaxt, an der zwei Glocken befestigt sind, auf seine Schulter und zieht mit seinen Freunden davon.
Kein Fastnachtsverein steckte hinter der Veranstaltung im Bürgerhaus, in das 600 Besucher gekommen waren. Geladen hatte der Verein „Wi.Mai.Kai“. „Das Wi steht für Wiesbaden, das Mai für Mainz und das Kai stammt aus dem japanischen Sprachgebrauch ab und steht für Treffen“, erklärte Andreas Neuhauser, Vorsitzender des Vereins. „Wir beschäftigen uns mit der modernen Kunst und Kultur Japans“, sagte Neuhauser, der genau wie der überwiegende Teil der Besucher als ein Charakter verkleidet war, der aus einem japanischen Manga-Comic oder von einem sogenannten Anime (von Animation) Zeichentrickfilm abstammt.
Ging man durch die Tür des Bürgerhauses, betrat man eine Welt, deren Gerüst auf dem Boden der Fantasie steht. Illustre Figuren schwebten durch die Halle, mit grellen oder schwarzen Perücken, deren Haare ungezähmt im Gesicht hingen oder mit ihren Spitzen in alle Himmelsrichtungen zeigten. Bizarr Kostümierte, aus einer noch weiter entfernten Fantasiewelt als die Protagonisten von Alice im Wunderland rühmten sich gegenseitig ihrer Kreativität. Manchmal entrückt, aber auf jeden Fall weit vom Verständnis eines Außenstehenden entfernt, der die Welt des Lebens für und im Comic nur schwer nachvollziehen vermag. Ein Schwert aus Bauschaum als Artefakt der Szene führt ein Mann vor. Nicht ohne zu versichern, er habe es schnell noch vor der Veranstaltung gefertigt, weil seine Mutter das andere vor dem großen Treffen aus Wut zertrümmert habe. Man kann nur über ihre Gründe spekulieren.
„Con“, vom englischen Wort „Connection“ (Verbindung) nennen die Anhänger der japanischen Populärkultur solche Veranstaltungen.
In Workshops wurden einige Grundlagen der „Cosplays“ gelehrt. Das sind Kostümspiele, bei denen der Teilnehmer eine Figur aus seinem favorisierten Manga, Anime oder Videospiel durch Kostümierung und Verhaltensweise möglichst originalgetreu darstellt. Die Bühne des Bürgerhauses bot später die Plattform für einen „Cosplay-Wettbewerb“, bei dem die beste Darstellung prämiert wurde.
In einem anderen Raum waren die Händler. Dort gab es jegliche Utensilien, die das Herz des Manga- und Animefans schneller schlagen ließ. Von Waldelfenohren über Perücken, Masken bis hin zu Kontaktlinsen konnte so ziemlich alles erworben werden, was der jeweiligen Figur die notwendige Authentizität einhauchte. Das klassische Manga-Zeichnen konnten die Besucher im Fanart Raum ausüben. Die Künstlervereinigungen „Kaboom“ und „Freigeist“ stellten dafür die nötigen Mittel zur Verfügung oder verkauften klassische Kartenspiele wie „Schwarzer Peter“ im Fantasie-Design.
Shinji Schneider unterhielt mit seinem Comedy-Programm die Gäste. Inzwischen eine Größe in der Szene, hat sich der Schweizer, der selbst Anhänger der japanischen Populärkultur ist, sein Markenzeichen durch zahlreiche Auftritte auf den „Cons“ erworben.

