Nach Wegzug von Pfeiffer und May - Kritik an Wiesbadener "Abwanderungspolitik"
08.09.2010 - KASTEL
Von Wolfgang Wenzel
Harte Kritik an der Wirtschaftspolitik im Wiesbadener Rathaus und am Umgang mit dem Gewerbegebiet Petersweg Ost haben Vertreter von CDU, SPD und Grünen geübt. Ortsvorsteherin Margot Schäfer (SPD) hielt dem Magistrat vor, Abwanderungspolitik zu betreiben und Firmen zu vergraulen. Anlass ist der Umstand, dass die Biebricher Sanitär-Großhandelsfirma Pfeiffer und May sowie die Kasteler Spedition Frankenbach der Stadt ganz oder teilweise den Rücken kehren, weil sie in Kastel nicht zum Zuge kamen.
Stadtrat Detlef Bendel (CDU) nannte die Entwicklung bedauerlich. Das von ihm geleitete Wirtschaftsdezernat habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Pfeiffer und May als Nachfolgerin von Hupfeld und Calmano als traditionellem Wiesbadener Betrieb in der Stadt zu halten. Das Unternehmen habe ein Grundstück in Kastel angeboten bekommen. Gerne hätte er persönlich in der Firmenzentrale in Karlsruhe vermittelt, doch das Großhandelsunternehmen habe sich für Gustavsburg als neuen Standort entschieden.
„Kompetenz des Wirtschaftsdezernenten beschränkt“
Die Kompetenzen des Wirtschaftsdezernats seien begrenzt. Er müsse Rahmenbedingungen akzeptieren, die von anderen Dezernaten gesetzt würden. Dabei spielten die Baugenehmigungsbehörde sowie das Umweltamt eine Rolle. Auch im Fall der Spedition Frankenbach hätte er es lieber gesehen, wenn das Unternehmen mit einem größeren Teil seiner Fahrzeugflotte in Wiesbaden geblieben wäre, anstatt nach Mainz abzuwandern. Der Wunsch, Frankenbach in Kastel zu halten, sei an die Stadt herangetragen worden. Das Logistikunternehmen habe jedoch anders entschieden und kehre dem Stadtgebiet in Etappen den Rücken.
Was das Kasteler Gewerbegebiet angehe, sei es nicht einfach zu „vermarkten“, sagte Bendel. Das Terrain leide nicht darunter, dass die Stadt Bewerberfirmen ablehnen müsse. Maßgebend sei der Umstand, dass Firmen schlicht und einfach nicht an den Petersweg wollten. Andererseits würden im Bebauungsplan Vorgaben gemacht, die es nicht erlaubten, Begehren wie dem einer Fastfood-Kette nach der Eröffnung einer Filiale nachzugeben.
Der Kasteler CDU-Vorsitzende Bernd Kaltenbach äußerte sich entsetzt über die Firmenabwanderungen. Wegen des umstrittenen Möbelzentrums am Petersweg stehe die Union mit dem Rücken zur Wand und müsse nun erfahren, dass mittelständische Unternehmen wie Pfeiffer und May abgewiesen würden. Für die Union seien die Abwanderungen kontraproduktiv. Sie wolle Firmenansiedlungen am Petersweg voranbringen, nach Möglichkeit aber keine Großbetriebe wie ein Möbelhaus, das höchstens eine „ultima ratio“ sei.
„Abstimmung in der Stadtregierung leidet Not“
Ortsvorsteherin Margot Schöfer sagte, dass für eine Stadt nichts schlimmer als eine Firmenabwanderung sei. Offenbar leide der Abstimmungsprozess zwischen den Dezernenten im Rathaus Not. Sie müssten miteinander reden und im Magistrat eine einheitliche Position vertreten, anstatt ihre eigenen Süppchen zu kochen. Der Wirtschaftsdezernent könne sich nicht reinwaschen. Seine Form von Wirtschaftspolitik sei unverständlich. Oberbürgermeister Dr. Müller lasse die Firmen lieber abwandern, anstatt sie zu holen. Im Gewerbegebiet Petersweg Ost mache die Stadt gerade ihren zweiten Fehler. Zuerst sei es ihr nicht gelungen, Firmen für den Standort zu begeistern. Jetzt lasse sie angestammte Unternehmen nach Gustavsburg und Mainz. Da helfe es auch nichts, wenn noch so viele Straßen gebaut würden, sagte Schäfer.

