Historiker stellen Dokumente im Stadtarchiv vor
ok. Wie wurden Schüler in der NS-Zeit für den Führerkult begeistert? Antworten darauf liefern kürzlich aufgetauchte Klassentagebücher einer Schulkasse am Adam-Karillon-Gymnasium (heute Rabanus-Maurus-Gymnasium) aus den Jahren 1934 bis 1936, die im Stadtarchiv im Beisein von Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) vorgestellt wurden. "Uns war sehr schnell klar, dass es sich bei den Klassentagebüchern um etwas Besonderes handelt", unterstrich Dr. Wolfgang Elz vom Historischen Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität. "Ganz zufällig, in einer völlig entlegenen Akte", seien er und der Seminarleiter in der Geschichtslehrerausbildung, Dr. Ralph Erbar, auf die Bücher gestoßen. Das Einzigartige an diesen Zeitzeugen in Buchform: Während sich in amtlichen Akten "die Lebenswirklichkeit nur sehr gebrochen spiegelt", ließen sich durch Lektüre der Klassentagebücher konkrete Rückschlüsse auf Schule unter dem Hakenkreuz gewinnen. "Einen unverstellten Blick hinter die verschlossene Klassenzimmertür", gewährten die Klassentagebücher aber nicht, dämpfte der Historiker allzu hohe Erwartungen. Konkret zeigen die Bücher nach Aussage von Elz, wie die Schüler beispielsweise bei der alltäglichen Morgenfeier auf die nationalsozialistische Ideologie eingeschworen werden sollten. Das geschah mit einem nationalsozialistisch gefärbten Tagesspruch und einem Morgenlied. Neben den Tagessprüchen tauchen in den Büchern aber auch von Schülerhand gemalte Bilder, beispielsweise aus Anlass des Baus einer Autobahn. auf. Hier wurde "die Legende vom selbstlosen Autobahnbauer mitgestrickt", bemerkte Elz. Den Klassentagebüchern könne laut Ahnen eine wichtige Funktion zuteil werden. Sie seien für den Geschichtsunterricht so aufbereitet, "dass sie Schüler gegen die Gefahren der Indoktrination und gegen Formen des Totalitarismus stark machen". Tatsächlich hat das Pädagogische Zentrum Rheinland-Pfalz (PZ) die Tagebücher in die Schriftenreihe PZ-Informationen aufgenommen. Schulklassen können jetzt damit arbeiten. Auch enthält das Unterrichtsmaterial Anregungen zur unterrichtspraktischen Umsetzung. Am Rande der Präsentation verwies Ahnen auf die PZ-Zeitzeugenkoordinierungsstelle, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zeitzeugen zu Themen wie NS-Zeitalter, Mauerfall oder dergleichen, an Schulen zu vermitteln. Auskünfte gibt das PZ in Bad Kreuznach unter Telefon (0671) 840880.

