Von Andreas Schermer
NOSTALGIE-SCHLAGER Dennis Wittberg und seine Schellack-Solisten im Unterhaus
Für zwei Abende ist das Mauergewölbe des Unterhauses die größte Schalldose von Mainz. Mit den acht Schellack-Solisten ist der Präsentierteller bis zur letzten Rille ausgefüllt. Die Herren tragen streng gekämmte Scheitel, die Dame ein Coco Chanel-Diadem.
Denis Wittbergs nasal geträllerter Vortrag mit übertrieben gerolltem R ist dabei so vornehm steif wie sein Vatermörder-Kragen. Der eröffnende Foxtrott „Die Nacht ist nicht nur zum schlafen da“ klingt stilecht durch das nostalgische Mikrofon im Flair der zweiten bis vierten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts. Bisweilen naiv, manchmal auch verschmitzt angedeutet anrüchig, so wurde in dieser Zeit gereimt: „Ach Brigitte, gib mir doch bitte - Eis“ oder „Der Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba“. Die zeitgenössische Musik nannte man pauschal Schlager. Diese werden in gute und schlechte unterschieden, wovon Denis Wittenberg selbstredend nur die guten zum Besten gibt. Dazu titscht das kleinen Becken, das Saxofon gackert und Trompete und Pausaune quäken durch die Schalldämpfer.
Zum Tango „Du bist nicht die erste“ weiß Wittberg: „Liebeslieder sind beliebt, weil man sie beliebig hören kann. Auch bei der Arbeit. Während man bei der Liebe lieber keine Arbeiterlieder hören möchte.“
Gastsängerin Ulrike Neradt säuselt, mal im kieksenden Sprechgesang, mal frech enerviert unter der lntonation vorbeistreifend, während das Orchester den Text durch kurz angespielte Zitate wie Can Can oder die Marseillaise kommentiert.
Zwischendurch präsentieren die Akteure mehrere Facetten ihrer stolzen Garderobe. Nach der Pause spielt das Orchester im weißen Jackett, die Violinistin im schwarzen Partykostüm und Wittenberg mit Schwalbenschwanz. Neradt konstatiert die Modetrends und deren Inspiration für die Musikschreiber oder erinnert an die Entdeckung des flippigen Charleston-Tanzes mit schaukelnden Knien, angewinkelten Beinen und abgestreckten Händen.
Das kurzweilige Programm im Unterhaus wird weiterhin aufgelockert durch den Vortrag von Erich Kästners „Ankündigung einer Chansonette“ oder kleinen Slapstickeinlagen, wenn der Klarinettist zum „orientalischen Foxtrott“ schlangenhaft eine Krawatte am Bindfaden tanzen lässt.
In der Aussprache bestimmt die freche Berliner Schnauze den Trend.
Doch am Ende entzückt das Nostalgie-Duett in der Reprise des Eröffnungsstücks mindestens genauso sehr mit rheinhessischem Dialekt und wird schließlich instrumental verabschiedet: „Das gibt’s nur einmal.“

