Miniaturen irgendwo zwischen Gaga und Dingsda
08.11.2010 - WIESBADEN
Von Peter Müller
MUSIK-KABARETT Marco Tschirpke beeindruckt mit gespielter Harmlosigkeit im Pariser Hoftheater
Marco Tschirpke ist das, was man einen Musik-Kabarettisten nennt - er sitzt am Klavier, souffliert selbst ausgeheckte Songs, plaudert ein wenig verhuscht über dies oder das und mutet der deutschen Klassik ein paar, naja, eigenwillige Gedichte zu. Seine Kunst aber passt in keine Schublade. Irgendwo zwischen Gaga und Dingsda hat der dauerjugendliche 35-Jährige aus Brandenburg eine Nische aufgemacht, die den Stadion-Comedians wohl das kalte Grausen über den Rücken jagt. Weil sie nicht zutextet, sondern klug vertrackte Denkaufgaben stellt. Wenn es sein soll, auf Zuruf.
Tschirpke ist ein Meister der Andeutung und Reduktion. Seine filigranenMiniaturen brechen mit jeder Erwartung, lassen mehr weg, als sie ausformulieren. Der Minimalist entpuppt sich auch als Wolf im Schafspelz, dessen gespielte Harmlosigkeit Teil des hintersinnigen Gesamtkunstwerks ist. Wahrscheinlich kann man nur so den Mauerfall und die Berliner Gedenkkultur mit einer giftigen Preziose über den „Ersterschossenen“ vom 24. August 1961 würdigen, die Volksweise „Es stund´ ein Reh“ im Grenzverkehr der West-Freier an der B2 mit „Kein schöner Land in dieser Zeit“ enden lassen oder der Brüder Grimms holdeste Märchenfigur veralbern: „Ihr Haar ist so schwarz wie Ebenholz, die Lippen sind rot wie Blut, die Haut ist gelb wie Rührei - Schneewittchen aus Shanghai!“
Wenn Tschirpke über „die Schwierigkeit, in Würde zu altern“ sinniert, klingt das in epischer Kürze so: „Mutti, warum hast du dich liften lassen? Papa sucht schon nach dir“ , wenn er einen Ordnungsruf gegen die Generation „Metall im Körper“ formuliert, wird daraus ein Liedlein über „eine, die sich auszog, mich das Fürchten zu lehren. Es ist auch nicht, dass mich dein Piercing stört, wenn du meinst, dass das da hingehört“ - fertig. Ökonomischer geht es kaum. Dazu passt seine Hommage an die „sozialistische Klassik“ und „Hausgott“ Peter Hacks, dessen ohnehin schon wagemutig eingedampfte Kurzlyrik Tschirpke, na was wohl, einkürzt. Tschirpke sorgt auch im Pariser Hoftheater mit poetischem Dadaismus für Begeisterung.

