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Theater 

Baum der Hoffnung

27.04.2009 - MANNHEIM

Von Jens Frederiksen

SCHAUSPIEL Kafkas "Amerika"-Roman als Bühnenexperiment in Mannheim

Vor Kafkas Kunst des ersten Satzes muss jede Theaterbemühung kapitulieren. Im "Amerika"-Text von 1912, dem ersten der drei großen Kafka´schen Romanfragmente, gelingt es dem Autor, die gesamte Vorgeschichte seines 16jährigen Protagonisten Karl Roßmann in eben diesem Einleitungssatz unterzubringen - die Verführung durch ein Prager Dienstmädchen, die Schwangerschaft der holden Maid und die Verbannung des dadurch ins Gerede gekommenen jungen Vaters nach Amerika. Ein Satz nur, und Karl Roßmann läuft, die Last einer Unglücks-Biografie im Gepäck, in den New Yorker Hafen ein.

Am Nationaltheater Mannheim kümmert sich der argentinische Avantgarde-Regisseur Alejandro Tantanian bei seiner Bühnenadaption des "Amerika"-Romans jetzt allerdings keinen Deut um New York und Kafkas Formulierkunst - ja nicht einmal der in die Labyrinthe der Neuen Welt gestoßene Karl Roßmann ist zunächst zu entdecken. Statt dessen sitzen sieben Akteure an der Rampe und erzählen stockend Anekdoten aus ihrem Leben. Immer geht es ums Ausgesetzt-Sein, ums Verlassen-Werden. Aber warum so holprig?

Vor allem aber: Wo ist Kafka? Es dauert ein wenig - dann aber wird dessen orientierungsloser Held Karl Roßmann von einem auch nicht gerade textsicheren Conférencier in einem rollbaren Sperrholzkasten ins Rampenlicht gezogen. In dem Gefährt nämlich hockt ein Lemur im Nachthemd, der einem Dienstmädchen unter den langen Rock schaut: unser Protagonist beim Sündenfall in Prag. Ein zweiter Kasten fährt herein, angefüllt mit aufgeregt gestikulierenden Eltern und einem zweiten Karl-Roßmann-Darsteller. Und danach dauert es nur wenige Minuten, und der Bursche ist - geduckt und unsicher, wie Kafka ihn beschreibt - mit Koffer und Unschuldsblick unter einem großen Baum angelangt: Natur, Freiheit, Amerika.

Was tastend beginnt, nimmt plötzlich Fahrt auf. Einer der sieben Darsteller schmettert einen argentinischen Schlager, später gibt´s Broadway-Songs, augenzwinkernde Chorusline-Aufmärsche, dazu Texteinblendungen auf einer Lichtwand im Hintergrund. Kafkas düsterer Verschollenen-Text aber gerät so zur munteren Groteske, von Revue-Anmutung umweht und in Comicstrip-Manier herausgeschnipst.

Und auch wenn das nicht ohne Längen abgeht - am Ende, wenn sich einer der Akteure mit einem Kafka-Tagebuchzitat auf den Lippen verschreckt in die Ecke eines viel zu großen Sessels drückt, beginnt der Zuschauer zu ahnen, dass dieser eigenartige Bilderbogen dem Geist des Romans möglicherweise näher kommt als manche aufwändige Verfilmung.

Ankunft in Amerika: Karl Roßmann (Peter Pearce) unter einem riesigen Baum, der für Weite, Freiheit und Hoffnung steht. MichelVergrößern

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