Warum für die Wiesbadener Theaterfreunde 2012 ein Jubiläumsjahr ist, aber nicht gefeiert werden muss
23.02.2012 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
„Wir wissen nicht viel über die Anfangszeit unserer Gesellschaft.“ Der Vorsitzende und seine Geschäftsführerin aber haben geforscht und sind im Staatsarchiv fündig geworden. Dietlinde Munzel-Everling hält den Programmzettel der ersten Stunde hoch: Das Künstler-Treffen im September 1931, „abends 8 1/2 Uhr im großen Saale . . . (zu) RM (Reichsmark). 2 . . . und Tanz nach den Vorführungen“ vermerkt - so schlicht wie stolz - „Ausverkauft“. Bernd Kummer weiß: Diese Mitgliederwerbung war ein großer Erfolg, weil eben als solche notiert im Wiesbadener Tagblatt. Wir schreiben das Jahr 1931, erstes Gründungsjahr der Gesellschaft der Freunde des Staatstheaters Wiesbaden.
2012 sitzen die heutigen Vorstandmitglieder Dietlinde Munzel-Everling (Mitglied seit 27 Jahren) und Bernd Kummer (Vorsitzender seit 1997) in einem Café und erzählen, dass sie so sehr viel über die Anfänge ihres Vereins eben nicht wissen können. Und sie werden nach über 80 Jahren auch zu keiner großen Festveranstaltung einladen. „Unsere Festschrift ist dieser alte Zettel.“ Froh ist Munzel-Everling gleichwohl, dass er entdeckt wurde. Denn das ursprüngliche Vereinsregister ist verbrannt, andere Unterlagen aus der Anfangszeit sind seit der politischen Gleichschaltung 1933 verschollen.
Eines aber wissen beide sehr genau: Diese Ur-Gründung war „Protestaktion“ und „Notoperation“. Sie hatte nämlich finanzielle Gründe. Kummer: „Dem Theater drohte die Schließung.“ Undenkbar für ein immer schon begeistertes und streitbares Wiesbadener Theaterpublikum. Dagegen wurde eben dann der Freundeskreis gegründet mit einflussreichen Institutionen, der Ärzteschaft etwa, Banken, die Biebricher Reiter trabten an, und Privatpersonen machten sich stark für den „Einsatz zur Rettung“. Der gelang als erinnerungswürdige Geschichte.
Das in diesem Jahr anstehende 50-Jährige der Gesellschaft nimmt freilich Rekurs auf spätere Zeit. Denn der Kreis der Theaterfreunde wird noch ein zweites Mal gegründet. Und diesmal mit Kontinuität bis heute. Nicht nur wegen des Engagements für das Theater, sondern auch wegen mehrerer Mitglieder, die vom Zweit-Anfang mit dabei sind. Anneliese Päckert gehört dazu, Regine Reinert und auch ein Mann: Claus Vaternahm. Heute noch Wiesbadener, werden sie sich an die Turbulenzen auch dieses Wiederbeginns erinnern.
Das operngewisse Wiesbadener Theater bekam mit Claus Drese damals einen ausgesprochenen Schauspiel-Intendanten. Skepsis unterm Elite-Stammpublikum: Ob das wohl gut gehen könne? Es ging hervorragend, und die Theatergesellschaft tat ihr Übriges, für Toleranz und Verständnis zu werben.
Heute hat der Verein über 1400 Mitglieder, und auch, wer im Laufe seiner Geschichte mit älter geworden ist, setzt sich ein, besucht Generalproben, den beliebten Neujahrsempfang, Premierenfeiern, oder, so wie Eva-Maria Schadow, hilft in der Geschäftsstelle an der Wilhelmstraße mit.
Hier wacht Rechtshistorikerin Dietlinde Munzel-Everling mit sozialer Kontaktfreude über die Kartei, steht Jurist Bernd Kummer in regelmäßigem Kontakt mit dem Intendanten. 70 oder 71 ist doch kein Alter für Theaterfreunde. „Wer mit 75 eintritt, ist ein Youngster.“ Und alle halten durch und am Theater fest.

