Shakespeare-Übersetzung : Alltag im Blankvers
14.01.2012 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
Es ist eine harte Geduldsprobe - mit sich selbst, allen verfügbaren Nachschlagewerken und dem Originaltext. Frank Günther besteht sie seit beinahe 40 Jahren. So lange schon übersetzt er Shakespeares Dramen. 2014 will er als Erster und Einziger alle 38 Stücke übersetzt haben. Noch fehlen „Heinrich VIII“, „Perikles“ und „Coriolan“. Dafür hat er dem „Othello“ gleich mehrere deutschsprachige Fassungen gegeben; die des Synchrontextes der „Othello“-Verfilmung mit Kenneth Branagh (als Jago, 1995); eine Übertragung ist 1999 im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen, und für die neue „Othello“-Produktion am Wiesbadener Staatstheater (diesem „wunderbaren Kasten“) hat er noch einmal Hand angelegt.
Nobler Afrikaner
Sprache eben ist im Fluss - und der „Mohr“ heute kein Wort mehr, bei dem man nicht an „Sarotti“ dächte, „Neger“ sich verbietet und „Nigger“ schon gar nicht geht, wie Frank Günther anlässlich der Wiesbadener Aufführung im Gespräch erklärt. Die Begriffe kommen durchaus im Stück vor - neben anderen, wie „nobler Afrikaner“, „Schwarzer“ oder auch „Schoko“ - je nach Sprecher und Situation.
Den „wunderbaren Kasten“ des Wiesbadener Theaters kennt er gut, schließlich ist der 64-Jährige in Wiesbaden aufgewachsen: „Zwischen 10 und 21 habe ich hier meine prägenden Jahre verbracht“. Er erinnert sich an die Theater-AG seiner Leibnizschule und an das anschließende Studium der Theaterwissenschaft in der Nachbarstadt Mainz. Am Staatstheater Mainz übrigens gab es die letzten Shakespeare-Inszenierungen auf Grundlage seiner Texte zwischen 1998 („Ein Sommernachtstraum“) und 1985 („ Was Ihr wollt“). Nicht aber das Parallel-Studienfach Anglistik an der Johannes-Gutenberg-Universität gab den Ausschlag, sich mit Shakespeare zu befassen, sondern der praktische Umgang auf der Bühne von der Statisterie über Regieassistenz bis zur eigenen Inszenierung, u.a. wieder auch in Wiesbaden.
Altväterlicher Schlegel
Seine Überzeugung: Shakespeare muss sprechbar sein und die Sprache im theatralischen Einsatz funktionieren. So hat er es vom großen britischen Theaterregisseur Peter Brook und bei Darsteller Kenneth Branagh erfahren. Es geht immer um die Schauspieler: Wie sprechen sie?, und wie welche Sprache?
Jetzt also Frank Günthers Shakespeare. Der anders spricht, als des deutschen Bildungsbürgertums Leib-und-Magen-Übersetzer August Wilhelm Schlegel geschrieben hat. Zwar führt auch Günthers Weg zur August-Wilhelm-Schlegel-Professur nicht am Klassiker („große sprachliche Leistung, aber umständlich altväterlich“) vorbei, doch sucht er für den treffenden Ausdruck nach „unverstellterem“ Zugang zu Shakespeares Original. Er weiß, wie in dessen Dramen auch prosaisch gepöbelt, Zoten gerissen, Wortspiele gedrechselt, Dialektformen benutzt werden, gleichzeitig, wie rhythmisch der Blankvers fließt (fünfhebiger reimloser Jambus) - nur: nicht immer auch im Deutschen.
Dann „bastele ich so lange“, bis Wort und Redewendungen stimmen -, und zwar umgangsprachlich, dennoch „nicht wie im Baumarkt“. „Wie das Original geklungen hat, wissen wir nicht. Wir können aber nahe dran kommen.“ Mit sprachgeschichtlicher Kompetenz, einer Balance von Genauigkeit und Fantasie - vor allem mit der ungeheuren und nimmermüden Begeisterungsfähigkeit eines Shakespeare-Übersetzers Frank Günther.
Beliebter Magnifico
Seine Arbeit ist eine Nachdichtung, seine Poetologie eine geschmeidige und das Ergebnis unmittelbares Shakespeare-Erlebnis. „Dieser Magnifico ist sehr beliebt“, so sein Jago über Othello - und Bühnen gleichermaßen über ihren Übersetzer.

