Von Lars Hennemann
POP "Ain´t No Grave": Das Finale zu Johnny Cashs "American Recordings"
Bei einer Werkreihe wie Johnny Cashs "American Recordings", die sich explizit und exzessiv mit dem Tod befasst, muss man acht geben, nicht in allzu jenseitiges Vokabular zu verfallen. Zumal auf "Ain`t No Grave", dem sechsten und letzten Teil, der alte Schnitter wie ein harmlos gewordener Weggefährte daherkommt, der seine Rolle gespielt hat und deswegen nun keine mehr spielt.
"Ain`t No Grave" ist das logische Ende der kalkulierten Überhöhung, mit der Produzenten-Genie Rick Rubin Cash ab 1994 in ein eigenes Universum schoss: der einsame Wanderer, dem nichts Irdisches mehr etwas anhaben kann und der nur noch Vergebung erfleht. Das Leben selbst schrieb schließlich am Drehbuch zu dem Mammutprojekt: im Jahr 2003, zwischen die Teile vier und fünf der Reihe, fiel zunächst der Tod von Cashs Frau June und wenige Monate später - nach langer Krankheit - sein eigener.
In der Zeit, die ihm blieb, nahm er wie ein Besessener auf und interpretierte vor allem fremde Stücke mit brüchigem, aber immer noch sonorem Bassbariton, sehr dezent von Tom Pettys "Heartbreakers"-Crew mit Akustikgitarre, Piano und Keyboard unterstützt. Aus diesem Fundus schöpft jetzt "Ain`t No Grave" noch einmal. Musikalisch ist das alles andere als eine Offenbarung, als Dokument jedoch um so mehr. Mehr als sechs Jahre nach seinem letzten Atemzug knurrt und donnert der "Man In Black" im Titelsong, dass kein Grab ihn auf dem Weg nach oben aufhalten könne. Das ist Gospel, Country, Glaubensbekenntnis, Pop - alles auf einmal und maximal verdichtet. Im direkt der Bibel entlehnten "Corinthians 15:55" wird das noch einmal gesteigert: Cash lacht wie Paulus den Tod einfach aus ("Wo ist dein Sieg").
Stärker ist der Einfluss der Band in Sheryl Crows "Redemption Day" oder Kris Kristoffersons "For The Good Times". Beide schwingen federleicht, aber keinesfalls schon völlig entrückt. Noch einmal liefern die Texte bittersüße, erdenschwere Rückschau. Dies gilt auch für das letzte echte Aufbäumen des Albums, ein staubtrockenes Cover von Bob Nolans "Cool Water". Danach folgt der Abspann, ein Abgang in so schnell nicht zu übertreffender Gestik: Mit "Aloha Oe" reist Cash in den Sonnenuntergang. Das gesamte Album ist eines für die Stunden, in denen das Licht endgültig verlischt und in denen es doch Hoffnung gibt. Und sei es nur die, dass nicht alles umsonst war.Johnny Cash: "Ain`t No Grave", Def Jam/American

