Sonntag, 12. Februar 2012 18:30 Uhr
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Allgemeine Zeitung

Musik 

Romantisch verträumter Jazz

09.03.2010 - MAINZ

Von Andreas Schermer

KONZERT Die norwegische Sängerin Solveig Slettahjell im Frankfurter Hof

Der Frankfurter Hof verwöhnt seine Gäste unter anderem durch ein Angebot internationaler Künstler, die zu gerne konventionelle Gestaltungsschemata aufbrechen. Insbesondere die eigene Ästhetik der norwegischen Kultur besticht im Charme ihrer strahlenden Kreativität hierzulande als willkommener Kontrastpunkt zu den althergebrachten Standards.

Weit abseits jeglicher Drei-Akkord-Wandergitarren-Klischees, kann die irreführende Bezeichnung "Singer Songwriter" der 38-jährigen Solveig Slettahjell nicht gerecht werden. Ihre Musik ist im Kern romantisch verträumter Bar Jazz, der selten gehörte Berührungspunkte zur Country-Musik findet. Dazu erweist sich ihr "Slow Motion Orchestra" als äußerst einfallsreich in der Findung ungewöhnlicher Gestaltungsideen. Die Besetzung ist dabei variabel und funktioniert auch als Duett mit Slettahjell, die sich selbst auf dem Piano begleitet, und Trompeter Sjur Miljeteig. Als mutige Basis dienen den Arrangements oft postmodern anmutende Geräuschschleifen.

Auf einem Bürostuhl sind Kunststoffkoffer gestapelt. Der oberste ist aufgeklappt und Kabel hängen heraus. Zeitlupen-Bäser Miljeteig lässt aus einem Gerät darin Pfeiftöne zerlaufen, die sich in einem zurückgenommenen, aber bedrohlichen Dröhnen auflösen, zu dem ein paar behäbige Töne aus seiner schallgedämpften Trompete verdampfen.

Der Schlagzeuger Per Oddvar Johansen zerkleppert eifrig die Taktkonturen, die der Kontrabassist Jo Berger Myhre mit ungestümen Tonfolgen lasiert. Even Helte Hermansen überwürzt mit Effektgeräten den Klang seiner E-Gitarre so kunstvoll, dass es mehr nach Hammondorgel klingt als nach einem Saiteninstrument. "How they shine" heißt dieses Stück. In weniger experimentellen Momenten ihres neuen Albums "Tarpan Seasons" kolorieren die vier männlichen Gesangsstimmen Solveig Slettahjells gehauchten Alt, etwa im hymnnischen Soul-Walzer "December Song".

In ihren Liedern will sie die großen Themen des Lebens auf die erdenklich einfachste Weise ansprechen. Welche Themen könnten dies wohl sein? Grinsend bemerkt sie: "Mir ist selbst erst aufgefallen, dass es in den meisten unserer Songs entweder um Sekt, Liebe oder Schnee geht. Das muss wohl an unserer nordischen Mentalität liegen."

Dann schlägt sie zu den künstlichen, sich selbst überholenden Poch- und Schnarrgeräuschen aus der Plastikkiste wieder ein paar schwer wahrnehmbare Töne am Klavier an. Nach erfüllten 90 Minuten, die Aufmerksamkeit verlangten und mit vielen reizvoll zu entdeckenden Details entlohnten, verabschieden sich Solveig Slettahjell und das Slow Motion Orchestra in einem letzten, tief nach innen gekehrten, nachdenklichen Bar Jazz in der Frage "Where do You run to?".


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