Von Andreas Schermer
FOLKPOP Tina Dico im Frankfurter Hof
Mit einer avantgardistisch gepiepten A-cappella-Ouvertüre "It´s on, it´s off" irritiert Helgi Jonsson das Auditorium. Ein leiser Kommentar aus den Publikumsreihen - "Ich hoffe, er macht nicht so weiter wie er eben angefangen hat" - erfährt beipflichtendes Gelächter. Als Teil von Tina Dicos Band darf Jonsson zur Eröffnung ein paar seiner eigenen Songs spielen. In unnachahmlicher Art hangelt er sich zum Gitarrenspiel durch kopfstimmige Wellenlinien. Trotz zahlreicher fragwürdiger Momente zeigt sich das Publikum amüsiert respektvoll über den komischen Isländer mit österreichischem Dialekt und seiner eigenwilligen Ästhetik.
Nach kurzer Pause springt der dänische Rauschgoldengel im weißen Kleidchen über der Jeans auf die Bühne. Tina Dico steigt direkt ein in das Thema Liebe mit der poetisch zweischneidigen Klinge: eine Seite bedeutet Himmel, die andere Hölle.
Dico führt seit fünf Jahren ein permanentes Reiseleben, erinnert sich aber bei all ihrer Umtriebigkeit noch gerne an ihren letzten Auftritt vor einem Jahr hier im Frankfurter Hof.
Unterwegs hat sie in Kanada auch Helgi Jonsson kennen gelernt. Das Publikum hat die anfänglichen Zweifel längst abgelegt. Die stilistische Verbundenheit und Vielseitigkeit des Sängers und Multiinstrumentalisten führt Dicos besinnliche Kompositionen, die irgendwo in den verschwommenen Stilgrenzen zwischen Folk und Pop fußen, zu ihrer vollen Wirkkraft.
Dritter im Bühnen-Bunde ist Produzent und Soundtüftler Dennis Ahlgren, der neben E-Gitarre und Schlagzeug in besonderen Momenten dem Gesangs-Dreiklang noch eine tremolierend verbindende Keyboard-Stimme hinzuzaubert.
In Dicos viel gelobten, gerade veröffentlichten EP-Trilogie "A Beginning", "A Detour" und "An Open Ending" wurden unter anderem auch die wundervoll harmonierenden Stimmen in den "Frauenduetten" bemerkt.
Jonsson empfindet das als großes Kompliment. Dann fügt sich sein zart gehauchter Tenor, der Dicos reifen Alt harmonisch umwebt, ebenso nahtlos an den Klang seines Posaunenspiels.
In ähnlich raffinierten Klanggestalten fließt aus einem repetitiven Slideguitar-Effekt ein Übergang zu "Count to ten". Auf dem gleichnamigen Album ging Dico dazu über, von bislang vornehmlich reflektierten Londoner Stadtimpressionen zu mehr Anekdoten ihrer Reiseerlebnisse aus aller Welt zu formulieren. Damit einhergehend erfährt der Zuhörer auch interessant wahrzunehmende Stimmungsverlagerungen. Ihre variantenreiche Ausdruckskraft ist in eher introvertierten Arrangements gefangen und erfährt dadurch eine umso intensivere Spannung. Nach dem kommerziell erfolgreichsten Song "Warm Sand" wird das Publikum für seine Standing Ovation noch mit einem "Glow in the Dark" für den Nachhauseweg besänftigt.

