Vom Kühlschrank-Blues
22.11.2010 - MAINZ
Von Andreas Schermer
KONZERT Stoppok und Reggie Worthy lassen Publikum rocken
Für manche ist der 54-jährige Wahl-Bayer ein Ruhrpott-Barde der alten Schule, für andere ist der Liedermacher Stefan Stoppok der Folk-Entertainer schlechthin. In der Duo-Besetzung mit Bassist Reggie Worthy folgte dem „Grundvergnügen“ der „Grundblues“, der in diesem Jahr mit dem Album „Grundblues 2.1“ ein Update erfuhr.
Auf Zeche oder auf Bühne - es sieht nach Arbeit aus, denn die zwei Vollblutmusiker haben ein Instrumenten- und Percussion-Arsenal für ein ganzes Orchester um sich geschart. Kenner wissen das zu schätzen. Stoppok spielt diese Instrumente nicht einfach - er beherrscht sie. Von der Mandoline bis zur zwölfsaitigen Westerngitarre, mit rasantem Fingerpicking oder mit bluesigem Bottleneck.
Das redselige Duo braucht zwar vor bestuhlten Publikumsreihen deutlich länger, um auf Betriebstemperatur zu kommen, doch stampfende und schnarrende Cajons motivieren im „Spezialisten Blues“. Publikum klatscht, Stoppok nickt: „Genau - an die Arbeit! Zeigt, dass man auch im Sitzen rocken kann!“ Ironisch erinnert er sich an seinen ersten Blues, der ein einschneidendes Ereignis zur Grundlage hatte, das ihn fast den Lebensmut gekostet hätte: „Das war, als mir der Kühlschrank kaputt gegangen ist - dann man tau.“ Nebenbei impliziert der Kühlschrank-Blues nach Stoppoks eigenem Dafürhalten „das genialste Gitarrensolo der Rockgeschichte“.
Bassist Reggie Worthy ist zwar zurückhaltender, doch der einstmalige Sidekick von „Ike und Tina Turner“ ist neben Stoppok ein ebenbürtig geachteter Künstler, der große Publikumssympathie genießt, wenn er mit tiefer, rauchiger Stimme seine Kompositionen „Time will tell“, „I’ll be there“ und „I turned it on“ haucht und dazu mit einem flotten Daumen über die sechs Saiten seiner Bassgitarre blubbert. Ihre Heiterkeit zum Beginn der zweiten Programmhälfte begründen die beiden mit der angeblichen Sichtung der Nackt-Scanner-Auswertung im Eingang des Frankfurter Hofs während der Pause. Das führt mit überleitender Pointe zum Junggesellen-Blues „Wie schön, sei froh, dass deine Wäsche nicht reden kann“.
Traditionelles und Milieu-Balladen
Konzerte mit Stoppok haben traditionelle Programmpunkte wie das Stück „Ärger“ oder die Geschichte von „Willi und Gert“, aber überwiegend sind sie innovativ und spontan. Neben Milieu-Balladen wie „Tage wie dieser“ oder „Aus dem Beton“ ist da noch das rasant satirische Pädagogik-Drama „Learning by burning“. Stoppok bietet eine intelligente Unterhaltungsqualität, die heute noch von seinen Lehr- und Ausbildungsjahren als Straßenmusiker profitiert. Doch er ist nicht nur musikalisch, sondern ebenso lyrisch ein Meister, zum Beispiel mit Daktylus-Versen im walzernden „Tanz“. Um Schlagfertigkeit ist er auch nach zwei Stunden Programm nicht verlegen: „Ich habe schon versucht, mich mit Alkohol und Tabletten vom Songschreiben abzuhalten, aber es hat alles nichts geholfen.“

