Düster rauscht elektronisch kalter Wind
20.11.2010 - MAINZ
Von Andreas Schermer
DARKWAVE Anne Clark kehrt zu ihren Wurzeln zurück und breitet im Frankfurter Hof legändere Rhythmusteppiche aus
Es ist ihr nicht zu verdenken, dass sich Anne Clark von der so erfolgreichen Akustik-Ära wieder mehr ihren Wurzeln der kalten Elektro-Musik hinwendet - wenngleich dies ein wenig zu bedauern sein mag. Im Frankfurter Hof steht die unprätentiöse „Sängerin“ der gesprochenen Worte und reibt sich immer wieder leicht nervös und verlegen die Hände an den Oberschenkeln.
In der aktuellen Band-Besetzung wird auf Bass als bindendes Element verzichtet, dafür quietschen sich unnatürliche Streicherklänge über alles hinweg. Der Cellist Jann Michael Engel läuft Gefahr, in seinem introvertierten Spiel vom Elektronik-Moloch aus zähem Synthesizer-Brei und dickflüssiger Sample-Soße gnadenlos zugekleistert zu werden. Der Herr der Regler, Steve Schroyder, liefert eine zweifellos intelligente Arbeit mit den legendären Rhythmusteppichen von Anne Clarks Darkwave-Hits, doch die Dominanz seiner Gerätschaften über die übrigen Instrumente entzieht sich seinem Einfluss. So verkommen leider über weite Strecken Gitarre, Cello und Piano zu rein optischem Beiwerk. Schlagwerker Tobias Haas liefert jenseits der Plexiglas-Dämmung mit spürbarer Motivation in punktgenauer Präzision tanzbare Beats. Die erreichen allerdings nur bedingt ihr Ziel im bestuhlten Saal.
Gitarrist Jeff Aug bringt eine leidenschaftliche Kraft auf dem akustischen Instrument noch stärker und intensiver als auf der E-Gitarre, die „Heaven“ stilistisch zur mitreißenden Rocknummer korrigiert. Die schönsten Momente erfährt das Konzert im elektronischen Abseits. Dann verraten nur die verträumten Stirnfalten und die schmunzelnden Mundwinkel des Pianisten Murat Parlak, in welche emotionalen Tiefen er sich hinter seinen geschlossenen Lidern hinabsinken lässt. Er singt mit einem herzlich warmen Timbre wie Dean Martin. Clark flüstert repetitiv dazu ihre Lyrik, haucht, fleht sie, deklamiert in gebetsgleicher Eindringlichkeit, feierlich, wütend oder verzweifelt.
Mit diesem charakterstarken Markenzeichen ist die blonde Engländerin ein Unikat aus dem intellektuellen Randgebiet zur Populärmusik. „Our Darkness“ löst allgemein eine kleine Hysterie aus, an den Flanken wird getanzt. Clark selbst scheint sich von der ganzen Leidenschaft um sie herum abzugrenzen. Sie bleibt regungsarm, zwischen den Stücken wortkarg und macht keine Anstalten, den Reißverschluss ihrer abgesteppten Nylonjacke ein Stück zu öffnen.
Vielleicht braucht sie diese Disziplin und Gefasstheit, um ihre intimen Gedanken so unverblümt veräußern zu können, die geprägt sind von Verlustängsten, melancholischer Nachdenklichkeit und finsteren Visionen. „As soon as I get home“ rauscht düster als elektronisch kalter Wind. Zum Abschied gibt es nach zwei Stunden den erwartungsgemäß begeisternden Synthethik-Stampfer „Sleepers in Metropolis“.

