Betörung von den Bermudas
30.10.2010 - MAINZ
Von Andreas Schermer
FRANKFURTER HOF Heather Nova und Joy T. Barnum begeistern
Michael McPhee schlägt die Gitarrensaiten so zart, dass die Töne zunächst kaum wahrnehmbar sind. Eine spielerische Besonnenheit, die sich mit sanftem Nachdruck Ruhe einfordert im vollen Frankfurter Hof, um einen würdigen Raum zu schaffen für die feine Stimme von Joy T. Barnum. Selbstvergessen entfaltet die schlanke Grazie von den Bermudas barfuß und im sonnengelben Kleid ihren aus tiefster Seele motivierten Gesang. Barnum ist begeistert vom deutlichen Zuspruch ihres Auditoriums: „Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was mich erwartet - aber ihr seid echt der Hammer!“ Sie scheint jeden Zuhörer einzeln ansprechen zu wollen mit ihren Augen, die dann aus einer fernen Erinnerung Geschichten holen, die zu neuen Melodien geformt werden. Vom beeindruckten Publikum verabschiedet sie sich mit sanft gejodelten Kehlkopfsprüngen, durch die sie ihren Soulgesang am Ende mit arienhaft tremolierenden Höhen verbindet.
Es ist nicht erwiesen, ob im Bermudadreieck Verkehrsmittel verschwunden sind, die zulasten des betörenden Sirenen-Gesangs der beiden dort beheimateten Sängerinnen gehen. Heather Nova hat zumindest schon ein Album „Siren“ getauft und beginnt ihren Auftritt mit dem lieblichen Heulen des Stücks „Island“. Ihren Mikroständer zieren dicke Plastikblüten, sie ist unprätentiös und familiär: Begleitet wird sie von Arnulf Lindner. Der österreichische, in London lebende Multiinstrumentalist arbeitet sich vom Cello über den Kontrabass zum elektrischen Klavier bis zur E-Gitarre und schließlich zur Hawaii-Gitarre durch. In „Heart & Shoulder“ breiten sich abermals die Schwingungen ihrer Stimme aus wie ein singendes Glas. Lindner unterstreicht die Atmosphäre durch eine kaum wahrnehmbare zweite Stimme. Zu ihren bekanntesten Stücken zählt „Walk This World“. Dafür basteln sich die beiden schnell einen Rhythmus, indem sie Schläge auf dem Basskorpus und Schellenkranz live aufzeichnen und als Endlosschleife abspielen.
Abschließend bildet sie in „Singing you through“ ein wunderschönes Duett mit ihrer Landsfrau Joy T. Barnum. Mit unglaublichem Feingefühl enden ihre Silben so präzise als kämen sie aus einem Mund.

