Von Alfred Balz
"Luna Melisande" bietet in der Showbühne eine Liebeserklärung an die Macht der Musik
In den Neunziger Jahren hat der Darmstädter Geiger Matthias Kohlmann irische Musik im Rhein-Main Gebiet zur festen Größe gemacht. Das Gründungsmitglied von "Paddy goes to Holyhead" und "Wild Silk" verließ die Bands jeweils auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, um zu neuen musikalischen Ufern aufzubrechen.
Auch bei seinem derzeitigen Musikprojekt "Luna Melisande" sind die keltischen Wurzeln allgegenwärtig. Doch die verträumte Musik mit romantischen Texten speist sich auch aus der deutschen Liedtradition. Durch den jungen Tastenderwisch Patrik Pietschmann kommen außerdem Balladen und Pianopop von Elton John bis Billy Joel zu neuen Ehren. Joels hypervirtuosen, schwer spielbaren "Root Beer Rag" schüttelt Pietschmann locker aus dem Handgelenk. Nicht weniger beeindruckend sind die klaren, sanften Gesangskünste der elfenhaften Kim Avery, deren zerbrechliche Erscheinung wie aus einer anderen Welt erscheint.
Lächelnd steht die schüchterne Asiatin im weißen Gewand in der Showbühne vor dem Mikrofon, wenn sie nicht bei Jigs, Reels und Polkas kompetent das Bodhran betrommelt. Multiinstrumentalist Kohlmann brilliert sowohl auf Geige (Jig of Slurs), Mandoline (Mandodance), Tin Whistle, Gitarre oder Bouzouki. Mit einer Balljonglage und einem finnischen Hochzeitswalzer tanzt das Publikum in die Pause.
Die Eigenkompositionen Kohlmanns nach Texten von Kim Avory nähern sich der Volksmusiktradition von Ensembles wie "Singspiel" und "Elster Silberflug" an, ohne auf traditionelle Lieder zurückgreifen zu müssen. Dabei verzichtet das Trio auf das populäre brachiale Auftreten vieler Bands, grelle Sounds und nebulöse Mittelaltermystik.
Stattdessen entführt die geheimnisvolle Mondmeerjungfrau Melisande in magische Sagenwelten und Natur, Geist und Seelenlandschaften der Romantik. Novalis stand Pate bei "Nachtgeflimmer", einer von Visionen begleiteten durchwachten Nacht.
In "Kerzenschimmer" beschreibt Kim eine schmerzhafte Loslösung und "Für Dich" ist ihre Liebeserklärung an die Motivationsquelle Musik, die so üppig und fantasievoll aus diesem Trio sprudelt.
Drei kongeniale Partner ergänzen sich auf so ungewöhnliche Weise, dass die dabei entstehende Musik in Deutschland als einzigartig angesehen werden muss. Ähnlichkeiten mit Folklegenden wie "Dr.Strangely Strange" oder "Incredible Stringband" sind zwar nicht beabsichtigt, kommen einem aber unweigerlich in den Sinn.

