Von Jens Frederiksen
GEDICHTE Ein Vergnügen - Werner Makowskis "Stille Gesellschaft"
Kein Selbstmitleid, kein metaphernunterfütterter Weltschmerz. Werner Makowski, zu DDR-Zeiten zunächst im Fach Chemie, dann in Philologie ausgebildeter Lyriker aus der Lutherstadt Eisleben, hat mit "Stille Gesellschaft" einen Gedichtband vorgelegt, dessen Lektüre das pure Vergnügen ist. Pointierte Stellungnahmen zu den Bedrängnissen der Zeit anstelle gefühliger Selbstbespiegelungen, messerscharfe Einlassungen auf die künstlerischen Debatten der Jahre vor und nach dem Mauerfall - Makowskis Verse sind anders, sie funkeln vor Angriffslust und analytischem Witz.
Makowski gehörte zum Kreis der Bewunderer des DDR-Dramatikers und Brecht-Schülers Peter Hacks, der die kunstvolle Erneuerung des Dramas über die Verbindung von Formstrenge einerseits und schnoddrige Querdenkerei andererseits zu erreichen versuchte. Sein Antipode Heiner Müller ("Germania Tod in Berlin") verspottete ihn deswegen als "Erfinder des klassizistischen Kabaretts". Nicht nur in diesem Streit nimmt Makowski ohne Wenn und Aber die Partei von Peter Hacks, mokiert sich über Müllers Lust am "dampfenden Gedärm" und fordert gegen dessen Einsichten in die Raubtier-Natur des Menschen die Utopie einer menschlichen (und den Menschen zum Guten hin verändernden) Gesellschaft ein: "Was vor dem Haus ist, sehen wir./ Es zu beschreiben, genügt uns nicht."
Den Worten mehr abverlangen als das Offensichtliche, nicht zufrieden sein mit dem bloß Naheliegenden - das ist das Anliegen des Peter Hacks ebenso wie das des Werner Makowski. Natur, schön und gut - doch ein Baum ist niemals nur ein Baum. Gleich das erste Gedicht des Bandes "Der Bote", führt das vor: "Ein rosaweißer Mandelbaum/ hat uns die Furcht genommen,/ der Winter könne ewig sein/ und nie ein Sommer kommen.// Im Garten der Gesellschaft herrscht/ der Frost mit Konsequenz./ Es fehlt ein kleiner Mandelbaum/ als Bote für den Lenz." Alle Wahrnehmung ist eingebunden in das Wissen um gesellschaftliche Bezüge - und das ist nicht nur fixe Idee, das gibt den Gedichten Halt und Präzision.
Wie sehr den Autor in der Kunst seiner Zeitgenossen das Fehlen von Festigkeit und Formwillen stört, machen seine polemischen Zweizeiler deutlich: "All diese Baselitzchen, Penckereien/ Es wär zum Lachen, wär es nicht zum Schreien." Und hinter all der Kampfeslust hat Makowski eine Lebensklugheit und Altersweisheit entwickelt, die, allen weltanschaulichen Winkelzügen zum Trotz, den Leser unversehens packt und rührt: "Immer waren zwischen Scherben und Gestein/ die wenigen Momente Glücklichsein./ Für diese seltsamen Sekunden/ hab ich mich lebenslang geschunden."

