Dichter und Buchhändler in einer Person: Jürgen Kross wird 75
25.08.2012 - MAINZ
Von Frank Wittmer
GEGENWARTSLYRIK Dichter und Buchhändler in einer Person: Jürgen Kross wird heute 75
Einer der eigenwilligsten deutschen Lyriker lebt in Mainz - in seiner inhaltlichen wie formalen Eigenart darf er zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwart gezählt werden, das Werk in stark profiliertem Stil ist unverkennbar: Morgen feiert Jürgen Kross seinen 75. Geburtstag.
Der bescheidene und zurückhaltende Dichter arbeitet seit 1971 als selbständiger Buchhändler in Mainz. Trotz angeschlagener Gesundheit ist Kross in seiner Buchhandlung ebenso immer noch aktiv wie als Schriftsteller - gerade hat er zwei neue Lyrik-Bände veröffentlicht, „finsternisse“ im Erwin Rauner-Verlag Augsburg und „Umland“ in der bibliophilen Reihe „Poetische Hefte“ der Edition art-management Hamburg; und der letzte Band „unverwandt“ in seinem Frankfurter „Heimatverlag“ Brandes & Apsel liegt auch erst ein paar Monate zurück.
Viele Buchfreunde werden schon in der Claudius-Buchhandlung in der Vorderen Präsenzgasse, von der Ludwigsstraße gerade nur um die Ecke, Bücher bei dem freundlichen älteren Herrn gekauft haben, ohne zu wissen, wer da so angeregt mit ihnen plaudert. Geboren wurde er als Hinrich Jürgen Kroß am 26. August 1937 in der schlesischen Stadt Hirschberg (heute Jelenia Góra) im heute polnischen Teil des Riesengebirges. Die Schlussphase des Zweiten Weltkrieges mit den verheerenden Bombenangriffen und kopflosen Straf- und Mordaktionen der Nazis wie der Partisanen auf der anderen Seite hat Kross eine unauslöschliche Prägung gegeben, die bis heute als biografisch-geschichtlicher Hintergrund in seiner Lyrik stets mitschwingt. In den Wirren der Besatzungszeit landete die Familie nach vielen Station 1953 schließlich in Mainz. Literarisches Interesse war bei Kross bereits in der Schulzeit geweckt und gefördert worden, und so wurde er nach dem Abschluss der Höheren Handelsschule begeisterter Gasthörer an der Uni Mainz in philologisch-literarischen Fächern und in Tiefenpsychologie. Erst eine langwierige Erkrankung, die ihn viele Jahre der Öffentlichkeit entzog, verschaffte ihm den äußerlichen und innerlichen Freiraum, sich dem literarischen Schaffen ernsthaft zu widmen.
So kam es auch, dass er als Drehbuch- und Dialogspezialist einen Ruf zum ZDF erhielt, wo er als Quereinsteiger eine Ausbildung als Fernsehredakteur machte. Er arbeitete in der Redaktion Dokumentarspiel, dann beim politischen Kabarett, schließlich beim Großen Fernsehspiel. 1971 verließ er das ZDF und übernahm die Buchhandlung - und ist somit einer der dienstältesten Buchhändler der Region.
Kross’ erste Veröffentlichung war der Gedichtband „Ortungen“, der 1975 beim Verlag Günther Neske in Pfullingen erschien. Kross fand bald zu seiner Stilistik und zu seinem Thema: Naturelemente als Ausgangspunkt existenzieller Grenzerfahrungen und Basis für eine mehrfach ineinandergeschobene Metaphorik; dadurch wird ein weiter Assoziationsraum geöffnet, einfache Sinn-Deutungen sind nicht möglich, die Sprache ist extrem verknappt, gedrungen, verdichtet. „Das ist keine Esoterik“, betont Kross, „eher so etwas wie Magischer Realismus. Und kein Gedicht ist Fragment. Die Gedichte sind philosophisch unterlegt - es dreht sich darum, Mehrdeutigkeiten sichtbar zu machen.“


