Zwischen Revolution, Realismus und Poesie: Zu Georg Büchners 175. Todestag
18.02.2012
Von Viola Bolduan
Darmstadt. „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ Georg Büchner ist nicht leichtfertig mit einer Antwort, wie etwa: Die gesellschaftlichen Zustände sind es, die Menschen unmoralisches, gewalttätiges Handeln aufnötigen. Obwohl der 1813 in Goddelau bei Darmstadt geborene Epiker, Dramatiker und Naturwissenschaftler zu Studentenzeiten im Großherzogtum Hessen aufbegehrt gegen autoritäre Willkür und Verelendung der Landbevölkerung. Sein Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ im „Der Hessische Landbote“ ist im Nachhinein viel zitiert und hat ihn selbst zur Flucht vor Verhaftung nach Straßburg getrieben.
Metternichs „Biedermeier“
Ja, die zeitgenössischen Lebensumstände im restaurativen Biedermeier der Metternich-Ära waren verheerend für den größten Teil der Bevölkerung, und Georg Büchner kannte die Not der Kranken und Armen von Kindheit an. Wiewohl er selbst als Arztsohn in geordneten Familien-Verhältnissen aufwuchs, hatte er doch ein Auge für die Klientel seines Vaters. Widerspruchsgeist gegen dessen Napoleon-Begeisterung freilich auch.
Der junge Mann hatte Revolutionsluft in der Nase, weil ihn Autokratie anwiderte, er die politischen Zwänge unter den Karlsbader Beschlüssen erkannte und damit auch die Perspektivlosigkeit im eigenen Lande - und ihn die Geschichte der Französischen Revolution faszinierte. Knapp ein halbes Jahrhundert später wird er sie in „Dantons Tod“ (1835) nicht nur feiern, sondern ihre Widersprüche problematisieren. Die Revolution allein nämlich befreit den Menschen nicht vom Impuls, zu stehlen, morden, lügen.
Weil es zu seiner Zeit das Fach Psychologie noch nicht gab, wählte Büchner (wie Schiller) stattdessen die Medizin (wie der Vater), wird 1836 in Zürich mit einer Studie über das Nervensystem der Barben promoviert - immer begleitet von Interesse an der Philosophie. In diesem Fach sollte der jüngere Bruder Ludwig später reüssieren („Kraft und Stoff“, 1855). Die Brüder Wilhelm und Alexander übrigens auch: der Erstere als Unternehmer, der Letztere als Literaturwissenschaftler in Frankreich (!) und Schwester Luise als Publizistin und Frauenrechtlerin. Eine tolle Familie: Alle Büchners kennzeichnet soziales Engagement, Wissensdurst, Rationalismus.
Und dann setzt sich der Älteste, Georg, hin und dichtet? Dichtung nennt der Volksmund publizierte Literatur. Damit aber kommen wir Georg Büchner nicht nahe. Erst nach seinem Tod veröffentlicht Bruder Ludwig „Nachgelassene Schriften“, die eine langwierige, komplizierte Editionsgeschichte nach sich ziehen. Bis heute. Die historisch-kritische Marburger Ausgabe datiert von 2000 bis zum letzten Band in diesem Jahr!
Hektisch arbeitet der Student, Flüchtling, angehende Mediziner - akribisch in puncto Quellenstudium freilich auch -, in immer neuen Ansätzen und nicht zu Ende kommend. Fragment ist vieles geblieben. Allerdings geben Zitate aus den Briefen an die Verlobte Wilhelmine Jaeglé in den Dramen unwiderlegbaren Aufschluss über Büchners zentrale Motive, und die Vielschichtigkeit seiner Textformen und Stile belegen die poetische Ausnahmebegabung.

