Tragikomödie „Chinese zum Mitnehmen“ im Caligari Wiesbaden
21.02.2012 - WIESBADEN
Von Peter Müller
In China fällt mal ausnahmsweise kein Sack Reis um. Nein, es kommt eine Kuh geflogen, vom Himmel. Und zertrümmert mit einer Nussschale von Boot einen pittoresk-kitschigen Heiratsantrag und tragischerweise auch die schöne Ehefrau in spe. Derweil zählt in Buenos Aires ein grantiger Eisenwarenhändler Kreuzschlitz-Schrauben - und stellt mal wieder fest, was er schon immer wusste: Die Welt ist schlecht und ungerecht. Ein paar Schnitte später purzelt Roberto (Ricardo Darin), dem misanthropischen Eigenbrötler, am Flughafen ausgerechnet jener unglückselige Chinese vor die Füße, der eben noch seine Verlobte verlor. Das ist nun nicht nur bizarr unwahrscheinlich, der völlig hilflose Jun (Ignacio Huang) sorgt auch in Robertos wohl geordnetem Alltag - jeden Morgen das gleiche Frühstück, jeden Abend Punkt elf wird das Licht gelöscht - für einige Turbulenzen.
Die Geschichte, so aberwitzig sie klingen mag, beruht auf wahren Begebenheiten. Das hat uns zumindest Regisseur Sebastian Borenzstein, der den Artikel dazu in einer argentinischen Tageszeitung erspäht hat, in den Vorspann geschrieben. Und vielleicht lässt er auch gerade deshalb seinen misanthropischen Unterlegscheiben-Verkäufer solche absurden Boulevard-Storys sammeln, um sie nach dem nächsten Ärger mit dem nächsten nervigen Kunden auf ziemlich makabre Art „durchzuphantasieren“. Nun allerdings hat er mit dem zwangs-adoptierten Chinesen, der seinen emigrierten Onkel sucht und aus Mangel an Alternativen in Robertos Single-Wohnung unterkommen darf, erstmal ganz andere Sorgen: Botschaft, Polizei, China Town - nirgends scheint es Hilfe zu geben für den bemitleidenswerten jungen Mann, der bei argentinischer Schlachtplatte immerhin schon mal späte Rache an jener Spezies Huftier nehmen kann, die ihm seine Liebste genommen hat. Apropos: Da ist auch noch die rührend naive Marie (Muriel Santa Ana), die, wenn sie sich nicht gerade um ihren kleinen Rinder-Hof kümmert, dem mürrischen Roberto entzückende Avancen macht - die der natürlich trocken ablehnt. Noch.
Kauz entdeckt Sinn des Lebens
Denn mit dem andauernden Culture-Clash in den eigenen vier Wänden schleift sich mehr und mehr der raue Panzer ab, den sich Roberto mit den Jahren in der Tristesse, die sich Leben nennt, umgehängt hatte. Es ist ja nun nicht so, dass er Menschen per se nicht mag, sie stören eben nur gewaltig in seinem Alltag. Dass das nicht so bleibt, liegt weniger an einem dolmetschenden Frühlingsrollen-Boten, sondern vielmehr an Sebastian Borenzsteins lakonisch erzählter Tragikomödie, in der man es sich als Zuschauer so richtig gemütlich machen darf. „Chinese zum Mitnehmen“ ist eine kleine, bittersüße, wunderbar melancholische Parabel über die Einsamkeit, über den Sinn des Lebens und wie man ihn selbst als vermeintlich hoffnungslos knorriger Kauz noch entdecken kann. Sehenswert.

